geschichte-bayerns@lists.lrz-muenchen.de

Geschichte Bayerns


[Date Prev][Date Next][Thread Prev][Thread Next][Date Index][Thread Index]

[GBay] Rezension: K.B. Murr, Ludwig der Bayer - oeffentliche Erinnerung im 19. Jh.



From:  Doris Bulach <doris.bulach_AT_web.de>
Date:  04.11.2009
Subject: Rez. MA: K. B. Murr: Ludwig der Bayer
--------------------------------------------------------------


Sehr geehrte Listenteilnehmer,

die Redaktion moechte Sie auf eine Rezension hinweisen, die von HSK verschickt 
wurde.


Murr, Karl Borromaeus: Ludwig der Bayer: Ein Kaiser fuer das Koenigreich? Zur 
oeffentlichen Erinnerung an eine mittelalterliche Herrschergestalt im Bayern des 
19. Jahrhunderts (= Schriftenreihe zur bayerische Landesgeschichte 156) [80 
Abb.]. Muenchen: C.H. Beck Verlag 2008. ISBN 978-3-406-10774-0; geb.; CXVIII, 
612 S.; EUR 58,00.

Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:
Doris Bulach, Deutsche Kommission fuer die Bearbeitung der Regesta Imperii, Abt. 
Ludwig der Bayer, Monumenta Germaniae Historica
E-Mail: <doris.bulach_AT_web.de>

Rueckgriffe auf "das Mittelalter" und mittelalterliche Kaisergestalten boomen. 
In kaum einer groesseren Stadt fehlt es an einem saisonalen "Mittelalter-Markt" 
oder einem "Mittelalterspektakel", und die gross angelegte ZDF-Reihe "Die 
Deutschen", in der neben lebenden Historikern auch Otto I., Heinrich IV. und 
Friedrich I. wegbereitende Rollen im "Koenigreich der Deutschen" spielen 
durften, fand eine grosse Oeffentlichkeit. Lassen sich Verbindungen herstellen 
zwischen den aktuellen Erscheinungen oeffentlicher Geschichtskultur und der 
Konjunktur, die breitenwirksame Darstellung und oeffentliche Inszenierung 
mittelalterlicher Geschichte im 19. Jahrhundert erfuhren?

Die hier zu besprechende Muenchener Dissertation von Karl Borromaeus Murr 
untersucht die oeffentliche Erinnerung an Kaiser Ludwig IV. (1281/2-1347) in 
Bayern bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Als methodisches Instrument seiner 
Untersuchung nutzt Murr in erster Linie das Konzept Joern Ruesens zur 
"Geschichtskultur", mit der er neuzeitliche Erinnerungsphaenomene "im 
Spannungsfeld von wissenschaftlichen, politischen und Sinnbildungsleistungen" 
besonders gut zu fassen hofft (S. 26). Ausgehend von den Ueberlegungen Ruesens 
verfolgt Murr das Ziel, die Erinnerungsgeschichte Ludwigs des Bayern in ihrer 
wissenschaftlichen, politischen und aesthetischen Dimension zu betrachten und 
den "oeffentlichen Umgang mit der Geschichte Kaiser Ludwigs im Koenigreich 
Bayern herauszuarbeiten". Dies, so sei vorangestellt, gelingt ihm ueberzeugend. 
Formen und Funktionen der Erinnerungsgeschichte Kaiser Ludwigs werden nicht nur 
anhand der staatlich-monarchischen, sondern auch anhand buergerlich-kommunaler 
Rezeption analysiert. Zudem beruecksichtigt der Verfasser nicht nur 
historiographische, publizistische und staatliche Quellen, sondern ebenso 
kuenstlerische wie literarische wozu Bestaende aus 25 bayerischen Dorf-, Stadt 
und Staatsarchiven herangezogen wurden.

Mit einem vorgegebenen Frageraster will Murr den oeffentlichen Umgang mit der 
Geschichte Ludwigs des Bayern systematisch erschliessen und ihn zugleich als 
"Kompass" nutzen, um den "vielschichtigen Formationsprozess bayerischer 
Identitaet im langen 19. Jahrhundert" zu analysieren (S. 29f.). Dem jungen 
Koenigreich gelang es innerhalb dieses Jahrhunderts, von einem aus verschiedenen 
alten Herrschaften zusammen gewuerfelten Land mit wenig ausgebildetem 
bayerischen Zusammengehoerigkeitsgefuehl zu einem solchen mit weit verbreitetem 
"Nationalgefuehl" zu werden, was 1865 selbst Bismarck Anerkennung abrang (S. 
31). Die bayerische Identitaet war und ist ein Produkt von bewussten Handlungen 
und von Kommunikationsstrategien. Damit ordnet sich Murrs Arbeit ueberzeugend in 
neuere Forschungsansaetze ein, die im Gegensatz zur preussisch gepraegten 
Geschichtsdeutung alternative Identitaetsstrukturen in deutschen Einzelstaaten 
staerker in den Blick nimmt, die auch noch nach der Reichsgruendung 1871 in 
Konkurrenz zum Gefuehl der Zugehoerigkeit zur deutschen Nation standen. Die von 
Murr hervorragend dargestellte Instrumentalisierung Ludwigs des Bayern war 
jedoch nur eine von verschiedenen absichtsvollen Strategien, eine 
Identifizierung der Buerger mit der bayerische Monarchie und dem Staat zu 
erreichen. Hier waere eine staerkere Einordnung in weitere Strategien, wie sie 
Manfred Hanisch herausgearbeitet hat[1], wuenschenswert gewesen. 

Einer Erlaeuterung der klug durchdachten Fragestellung und des klar 
strukturierten Aufbaus der Arbeit (S. 1-36) folgen vier Kapitel. Im Zentrum der 
Untersuchung stehen dabei die "politische Entdeckung Kaiser Ludwigs zur 
Legitimitaetsstiftung des Bayerischen Koenigreichs 1806-1825" (S. 66-183) und 
Ludwig der Bayer "im Dienst der inneren Integration Bayerns zur Zeit Ludwigs I. 
1825-1848" (S. 184-423). Dabei wird neben der Aneignung der Symbolfigur Ludwig 
durch die Monarchie auch diejenige durch Landstaedte und ehemalige Reichsstaedte 
beleuchtet. Diese chronologisch angeordneten Kapitel werden eingerahmt durch 
zwei weitere, die die "Kaiser-Ludwig-Rezeption" in Spaetmittelalter und Frueher 
Neuzeit (S. 37-65) und "Aspekte der Erinnerungsgeschichte 1848-1918" im Blick 
haben (S. 424-496). Ein abschliessender Teil widmet sich Ergebnissen und 
Perspektiven (S. 497-535).

In seiner Untersuchung geht es Murr nicht um ein losgeloestes "kollektives 
Gedaechtnis" und dessen Erinnerung an Ludwig IV., sondern er stellt die 
politisch, institutionell und sozial verorteten Akteure in den Fokus seiner 
Arbeit und bemueht sich, ihre Wirkabsichten, aber auch deren Adressatenkreise zu 
rekonstruieren. Dabei werden die jeweils genutzten Medien beleuchtet und 
Professionalisierungs- und Institutionalisierungsvorgaenge bei der oeffentlichen 
Erinnerung an den Kaiser geprueft. Zudem stellt Murr den in der Art der 
Erinnerung an den Kaiser des 14. Jahrhunderts sichtbar werdenden idealen 
Ordnungsvorstellungen der politisch-sozialen Realitaet der jeweiligen Zeit 
vergleichend gegenueber.

Die moderne Geschichtskultur entwickelte sich in ihrer kognitiven Dimension, so 
Murr, vor allem mit der Durchsetzung der historisch-kritischen Methode - eine 
Entwicklung, die in Bayern erst in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts zum 
Abschluss kam, was Murr unter anderem am Umgang der Bayerischen Akademie der 
Wissenschaften mit der Figur Ludwigs IV. aufzeigt. Ergaenzend sei hier vermerkt, 
dass zahlreiche dieser kognitiven Aneignungen bis heute fortleben. So wird 
beispielsweise die an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1842 begonnene 
Sammlung von Urkunden Ludwigs IV. seit 1967 und sicher noch bis 2015 bei den 
Regesta Imperii fortgefuehrt. 

Die politische Dimension der Geschichtskultur, die im Zentrum der Untersuchung 
steht, wird bei der Legitimation von Herrschaft am sichtbarsten, zu der der 
Rueckgriff auf den mittelalterlichen Kaiser in unterschiedlicher Weise erfolgte. 
Murr arbeitet dabei deutlich heraus, dass Ludwig sich fuer ganz 
widerspruechliche Deutungen nutzen liess. Er stand innerhalb des Jahrhunderts 
als Symbolfigur fuer Antiaustriazismus aber auch fuer die Versoehnung mit 
Oesterreich, galt als antipaepstlich oder als sich um die Kirche sorgender 
Kaiser, wurde als Symbolfigur herangezogen fuer eine bayerisch-einzelstaatliche 
oder eine deutsch-nationale Identitaet. Dabei laesst sich innerhalb des 
Jahrhunderts eine Verlagerung von einer monarchischen hin zu einer buergerlichen 
Initiative der Erinnerungskultur feststellen. Auch die Bemuehungen der 
bayerischen Herrscher, ein bayerisches Nationalgefuehl zu schaffen, sind zwar in 
der heutigen Geschichtskultur als solche vergessen, aber in ihren Nachwirkungen 
bis heute erkennbar. Die eng mit den beiden anderen Dimensionen verknuepfte 
aesthetische Dimension macht Murr anhand von Gemaelden, Illustrationen, Romanen 
und Theaterstuecken deutlich, die sich die Figur Ludwig der Bayer auf 
unterschiedliche Weise aneigneten.

In seiner Zusammenfassung betont Murr, dass auch im 19. Jahrhundert angeblich 
"vormoderne" Vorstellungen weiter aktuell blieben, seien es Totenmemoria, Sagen, 
die Verklaerung von mit Ludwig dem Bayern in Verbindung stehenden Ueberresten 
oder die Beschwoerung von Treuekonzepten (S. 530f.). Umgekehrt kann er jedoch 
auch zeigen, dass das von Ruesen nur auf die Moderne hin gedachte Konzept der 
Geschichtskultur mit allen seinen Komponenten auch fuer das Mittelalter und die 
fruehen Neuzeit angewendet werden kann. Hier stellt sich die Frage, ob man 
gerade angesichts eines solchen Befundes ueber das Festhalten an der strengen 
Unterscheidung zwischen vormodern und modern nachdenken sollte, anstatt den 
"vormodernen" Ueberhang in das 19./20. Jahrhundert zu rechtfertigen (S. 535f.).

Im 19. Jahrhundert entdeckte, wie Murr klar und gut lesbar herausgearbeitet hat, 
sowohl die Monarchie als auch die bayerische Bildungsschicht das Mittelalter als 
Epoche der eigenen Geschichte, die sich zur historischen Selbstvergewisserung 
eignete (S. 4). Mit seinem Werk legt Murr am Beispiel des Umgangs mit Ludwig dem 
Bayern so einerseits die kognitive, politische und aesthetische Dimension der 
Geschichtskultur des 19. Jahrhundert offen, gleichzeitig kann seine Arbeit aber 
auch zu Reflexionen ueber den heutigen Umgang mit der mittelalterlichen 
Geschichte und ihren Akteuren anregen.

Anmerkung:
[1] Manfred Hanisch, Nationalisierung der Dynastien oder Monarchisierung der 
Nation? Zum Verhaeltnis von Monarchie und Nation in Deutschland im 19. 
Jahrhundert, in: Adolf M. Birke (Hrsg.), Buergertum, Adel und Monarchie. Wandel 
der Lebensformen im Zeitalter des buergerlichen Nationalismus, Muenchen 1989, S. 
71-91, und Manfred Hanisch, Fuer Fuerst und Vaterland. Legitimitaetsstiftung in 
Bayern zwischen Revolution 1848 und deutscher Einheit, Muenchen 1991.


Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagner_AT_uni-rostock.de>

URL zur Zitation dieses Beitrages
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-4-110>

__________________________________________________

        E-Mail-Forum "Geschichte Bayerns"
        http://www.geschichte-bayerns.de/

                    Redaktion:         
         redaktion_AT_geschichte-bayerns.de 
 _________________________________________________



[Date Prev][Date Next][Thread Prev][Thread Next][Date Index][Thread Index]