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Geschichte Bayerns
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[GBay] Tagungsbericht: Franken und die Weltmission
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- Subject: [GBay] Tagungsbericht: Franken und die Weltmission
- From: "Geschichte Bayerns (Dr. Georg Köglmeier)" <georg.koeglmeier_AT_soziologie.uni-regensburg.de>
- Date: Mon, 19 Oct 2009 19:13:31 +0200
- Organization: Universitaet Regensburg
- Reply-to: geschichte-bayerns_AT_lists.lrz-muenchen.de
- Sender: owner-geschichte-bayerns_AT_lists.lrz-muenchen.de
Von: "Veronika Heilmannseder" <veronika.heilmannseder@bistum-
wuerzburg.de>
An: <redaktion_AT_geschichte-bayerns.de>
Datum: 10/19/2009 3:45
Betreff: Tagungsbericht: Franken und die Weltmission
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Sehr geehrte Listenteilnehmer,
am 9. und 10. Oktober 2009 nahm die Tagung "Franken und die Weltmission
im 19. und 20. Jahrhundert", veranstaltet vom Wuerzburger
Dioezesangeschichtsverein in Zusammenarbeit mit Archiv und Bibliothek
des Bistums Wuerzburg, Bezirk Unterfranken, Lehrstuhl fuer Neueste
Geschichte und Professur fuer Fraenkische Kirchengeschichte der
Universitaet Wuerzburg sowie Mission EineWelt, Neuendettelsau, aus
unterschiedlichen Blickwinkeln die Resonanzen der Weltmission in
Franken in den Blick, gleichzeitig zeigte sie Impulse aus der Region
fuer die globale missionarische Arbeit auf.
Der eroeffnende Vortrag von WOLFGANG BRUECKNER (Wuerzburg) fuehrte in
die ideellen und materiellen Auspraegungen der Mission in Franken ein.
Er stellte die enge Verbindung des missionarischen Gedankens mit
missionarischer Taetigkeit heraus. In beiden Konfessionen waren die
Bereiche der Christianisierung, Medikalisierung, Alphabetisierung,
Kolonialisierung, Militarisierung, im engeren Sinne der Modernisierung,
ueber die Jahrhunderte mit der Missionsarbeit verknuepft. Vom
Selbstverstaendnis her bildete der Missionshelfer den Vorlaeufer des
heutigen Entwicklungshelfers. Brueckner machte die Durchdringung der
Froemmigkeit mit dem Missionsgedanken an seiner Institutionalisierung
in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert in mehreren Bereichen fest:
Etwa im personellen Bereich mit der Gruendung und dem Aufschwung von
speziell auf die Mission ausgerichteten Gemeinschaften die ihren
Mitgliedern eine zeitlich uebergreifende Sinnstiftung boten; daneben im
Bereich von Veranstaltungen und Werbemitteln fuer die Mission, deren
Einsatz zentral durch die Kirche koordiniert, professionalisiert und
verstaerkt wurde. Die in diesem Zusammenhang ueberlieferten Sachquellen
und Druckerzeugnisse spiegeln nicht nur die Verbreitung unter den
Glaeubigen wider, sondern geben gleichzeitig Auskunft ueber die
aenderung des Missionsverstaendnisses von der "Heidenmission" zur
Partnerschaft bei einer gemeinschaftlichen Entwicklungs- und
Friedensarbeit. Brueckner fuehrte weiter aus, dass die Belebung des
Missionsgedankens durch das glaeubige Volk im Deutschen Reich auch mit
der parallelen Kolonialisierung einher ging.
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema am Studientag
leitete der Vorsitzende des Wuerzburger Dioezesangeschichtsvereins,
WOLFGANG WEISS (Wuerzburg), ein. Weiss erlaeuterte den zeitlichen
Zuschnitt der Tagung mit der in der Romantik des 19. Jahrhunderts
aufkommenden Staerkung des Glaubens und daraus resultierenden
Auswirkungen auf das Kirchenvolk und die Mission, die die ur-eigene
Aufgabe der Christen, die Frohe Botschaft hinaus in die Welt zu tragen
fuer einen langen Zeitraum intensivieren. Gleichzeitig verdeutlichte
Weiss den Charakter der Mission als "Seismographen" fuer die Identitaet
der Christen in der Heimat, denn das Selbstverstaendnis der Menschen
sei an ihrem Auftreten in der Welt zu erkennen. Das breit gefaecherte
Programm der Tagung gebe nicht nur einen Eindruck der vielfaeltigen
Impulse und Resonanzen der Mission in Franken, sondern wolle auch
Anregungen fuer Forschungen in der Missionsgeschichte geben.
Einen Ueberblick ueber die Entwicklung der katholischen und
evangelischen Missionsgeschichte boten die Vortraege von ANDREAS
NEHRING (Erlangen) und P. KLAUS SCHATZ (St. Georgen). Die
historiographische Ausrichtung des Vortrags von Nehring verdeutlichte
fuer die Missionsgeschichte die Notwendigkeit, universalistische
Kirchengeschichtsschreibung durch eine lokal orientierte
Christentumsgeschichte abzuloesen um der vielfaeltigen Materie gerecht
zu werden. Gleichsam parallel zur aenderung des Missionsverstaendnisses
hin zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit folgten kontextualisierte
Betrachtungsansaetze auf die eurozentrische Perspektive, deren Fokus
die sozio-kulturellen Eigenheiten einzelner Regionen treffen. Dennoch
sei, so Nehring, die Selbstreflexion und die Neuausrichtung der
Missionsgeschichte bislang unzulaenglich und verstaerkt zu betreiben.
Auf katholischer Seite stellte Schatz die Phasen missionarischer
Taetigkeit von der Zusammenarbeit mit Kolonialmaechten seit dem 16.
Jahrhundert bis hin zu einer Ausrichtung auf die paepstlichen Werke zur
Glaubensverbreitung im 19. und 20. Jahrhundert dar. Seine vier
Jahrhunderte umspannenden Ausfuehrungen machten gleichzeitig die
Institutionalisierung von Mission innerhalb der katholischen Hierarchie
deutlich, wie auch die Verankerung des Missionsgedankens innerhalb des
Kirchenvolkes. Ausgehend von der staatsgetragenen Mission unter
spanischem und portugiesischem Patronat und der darauf folgenden
dominanten Rolle des Papsttums zeigte Schatz die Entwicklung der
Mission zur professionalisierten und institutionalisierten Bewegung,
die sich unter den Glaeubigen etablierte und im spaeten 19. Jahrhundert
auch das katholische Deutschland erfasste. Die Zeitverzoegerung
erklaere sich durch die Diasporasituation in Norddeutschland und die
seelsorglichen Bemuehungen um die Amerikaemigranten, die missionarische
Energien banden, gleichzeitig seien durch Kolonialismus und Kulturkampf
zwei dynamisierende Faktoren zum Tragen gekommen. Schatz erlaeuterte
weiter, dass die konfessionelle Spaltung der Mission eher zum Nutzen
als zum Schaden gereicht haette, da durch die Konkurrenzsituation von
katholischen und protestantischen Missionsbestrebungen diese eine
Verstaerkung erfahren haetten.
Die weiteren Sektionen thematisierten Strukturen und Institutionen, die
in der Mission zum Tragen kamen sowie Persoenlichkeiten aus der Region,
die missionarisch wirkten.
P. HUBERT WENDL (Wuerzburg) zeigte die Geschichte der Missionare von
Mariannhill auf, die ihren deutschen Heimatstandort bis heute in
Wuerzburg haben. Seine Ausfuehrungen verdeutlichten ein doppeltes
Spannungsfeld, in dem sich die Ordensarbeit vollzog: Einerseits die
Auseinandersetzungen mit der Mariannhiller Mutterkongregation der
Trappisten, die sich um den Stellenwert und die Durchsetzung der
Missionsarbeit innerhalb der zisterziensisch-monastischen Vorgaben
drehte und schliesslich zur Abtrennung der Mariannhiller von den
Trappisten fuehrte (1882-1909); andererseits der kraeftezehrende
Brueckenschlag zwischen der fraenkischen Basis und dem
suedafrikanischen Arbeitsfeld.
Daneben folgte ANDREAS HEIL (Wuerzburg) der Entwicklung des
Verhaeltnisses zwischen Staat und evangelischen Missionsvereinen im 19.
Jahrhundert. Heil kennzeichnete die Schwierigkeit der Durchsetzung
eines zentralen protestantischen Missionsvereins als staatliche
Blockade, die Vereinsarbeit als Agitationsmoeglichkeit zu unterdruecken
suchte und dies auch auf die lokale Ebene gegenueber Ortsvereinen
ausdehnte. Bei der Gruendung des "Centralmissionsvereins" 1843
erschwerten innerkonfessionelle Schwierigkeiten, die die
Bekenntnisausrichtung des Vereins und der Missionsarbeit ueberhaupt
betrafen, dessen Wirksamkeit. Die Umformung in den Evangelischen-
Lutherischen Missionsverein fuer Bayern 1853 beruhigte die Lage soweit,
dass der bayerische Missionsverein sich schrittweise von staatlichen
Eingriffen abloesen konnte. Auch in den linksrheinischen Gebieten, so
Heil, ging die loyale Haltung des Vereins mit Zugestaendnissen der
Regierung einher.
Die folgende Sektion brachte Einzelpersoenlichkeiten und Kreise von
missionarisch taetigen Glaubensmaennern in Asien zur Sprache. Der
Vortrag von PHILIPP HAUENSTEIN (Neuendettelsau) ueber die beiden
Neuendettelsauer Neuguinea-Missionare Johann Flierl (1858-1947) und
Christian Keysser (1877-1961) brachte unterschiedliche
Herangehensweisen von Missionaren zur Sprache, die mit ihrer
Persoenlichkeit die missionarische Arbeit stark praegten. Flierl suchte
in einer heilsgeschichtlichen Perspektive durch die christliche
Vorbildfunktion des Missionars innerhalb einheimischer Gemeinden die
lutherische Glaubenslehre zu verbreiten, waehrend Keysser Mission durch
kulturelle Reziprozitaet innerhalb des einheimischen Clansystems
verfolgte. Hauenstein charakterisierte beide Positionen als wichtig
fuer die heutige Missions- und Entwicklungsarbeit.
Die Ausfuehrungen von JOHANNES MAHR (Ochsenfurt) zeigten dagegen anhand
der Koreamission der Muensterschwarzacher Benediktiner im fruehen 20.
Jahrhundert den Primat der Ordensarbeit gegenueber der Leistung
einzelner Moenche. Mahr konnte als Unterstuetzung der Abtei
Muensterschwarzach fuer die Missionsstationen und neuen Gemeinden eine
Reihe von Massnahmen in verschiedenen Bereichen wie Bauwesen oder Kunst
ausmachen, ergaenzt von starken personellen und sachlichen Zuwendungen.
Gleichzeitig betonte er den Anteil von starken Einzelpersoenlichkeiten,
die sich von ihrem missionarischen Eifer getragen voellig in den Dienst
des Ordens stellten und sich durch die Uebertragung verschiedener,
situationsnotwendiger Aufgaben zu wahren Alleskoennern entwickeln
mussten. Der Einsatz der Missionsbenediktiner ging, so Mahr, mit der
Entwicklung einer starken einheimischen Ordensbelebung einher, die sich
in schwierigen politischen Verhaeltnissen etablieren und ihren am Ur-
Christentum orientierten Charakter bewahren konnte.
Zwei Beitraege zur Wahrnehmung der Missionstaetigkeit in der Fremde
und in Franken anhand der Korrespondenz einer evangelischen
Missionarsfrau, erarbeitet von JULIA KOCH (Arnstein-Gaenheim), und der
Missionsarbeit der Erloeserschwestern und der Oberzeller
Franziskanerinnen, vorgestellt von VERA HOLLFELDER (Wuerzburg),
rundeten die Tagung ab. Koch konnte in den Briefen der Lina Raum aus
Deutsch-Ostafrika nach Franken fuer den Zeitraum zwischen 1898 und 1903
die Lebenswelt einer Missionarsgattin nachzeichnen und stellte dabei
die Rueckbesinnung auf europaeische, heimatliche Lebensweisen als
konstitutiv heraus. Hollfelder beleuchtete die Taetigkeit der beiden
Frauenkongregationen, die in den 1950er Jahren nach Afrika ausgesandt
wurden, hinsichtlich ihres Vorgehens und den in der Mission gesammelten
Erfahrungen. Unterschiedliche Strategien dieser Gemeinschaften, sich
vor Ort innerhalb Apartheid und Multireligioesitaet zu etablieren,
kennzeichnen ebenso ihre Arbeit wie die wachsende Akzeptanz innerhalb
der Bevoelkerung durch eine Forcierung der Entwicklungshilfe.
Die Beitraege der Tagung leisteten eine vorzuegliche Einfuehrung in die
Bearbeitung der neueren Missionsgeschichte und vermittelten einen
Eindruck der immensen thematischen Breite. Dabei zeigte die Tagung das
Spannungsfeld zwischen Gesellschaft, christlichen Kirchen,
Einzelpersoenlichkeiten und politischem Hintergrund auf, in dem sich
die Mission als Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung bewegt.
Interessante Einblicke und weiterfuehrende Anstoesse gab die
interkonfessionell ausgerichtete Perspektive der Tagung, deren
komparatistischer Ansatz fruchtbar auf typische Phaenomene der
Missionsgeschichte jenseits der Bekenntnisgeschichtsschreibung hinwies.
Die Vortraege der Tagung werden zusammen mit ergaenzenden Beitraegen
und Materialien im 65. Band der "Quellen und Forschungen zur Geschichte
des Bistums und Hochstifts Wuerzburg" 2010 publiziert.
Die Tagung wurde unterstuetzt durch die freundliche Bereitstellung von
Drittmitteln aus der Unterfraenkischen Kulturstiftung des Bezirks
Unterfranken.
Agenda der Tagung "Franken und die Weltmission im 19. und 20.
Jahrhundert" am 9. und 10. Oktober 2009
(Wuerzburg): Die Aufnahme des Missionsgedankens im fraenkischen
Kirchenvolk
Sektion I: Ueberblick
WOLFGANG WEISS (Wuerzburg): Fundierung und Perspektiven aktueller
Missionsgeschichtsforschung
ANDREAS NEHRING (Erlangen): Kennzeichen und Entwicklungen evangelischer
Mission (Schwerpunkt: 18. und 19. Jh)
P. KLAUS SCHATZ (St. Georgen): Die katholische Kirche und die Mission -
ein Ueberblick vom 16. bis zum 20. Jahrhundert
Sektion II: Strukturen und Institutionen
P. HUBERT WENDL (Wuerzburg): Die Missionare von Mariannhill
ANDREAS HEIL (Wuerzburg): Staat und evangelische Missionsvereine im 19.
Jahrhundert
Sektion III: Das missionarische Wirken von Einzelpersoenlichkeiten und
Kreisen
PHILIPP HAUENSTEIN (Neuendettelsau): Die Neuendettelsauer Neuguinea-
Missionare an Hand von Johann Flierl und Christian Keysser
JOHANNES MAHR (Ochsenfurt): Muensterschwarzacher Benediktiner in Korea
Sektion IV: Wahrnehmungen der Missionstaetigkeit in der Fremde und in
Franken
JULIA KOCH (Arnstein-Gaenheim): Korrespondenz einer evangelischen
Missionarsfrau
VERA HOLLFELDER (Wuerzburg): Erfahrungen und Resonanzen -
Erloeserschwestern und Oberzeller Schwestern in der Mission
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