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[GBay] Tagungsbericht: Franken und die Weltmission



Von: 	"Veronika Heilmannseder" <veronika.heilmannseder@bistum-
wuerzburg.de>
An:	<redaktion_AT_geschichte-bayerns.de>
Datum:	10/19/2009 3:45 
Betreff:	Tagungsbericht: Franken und die Weltmission
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Sehr geehrte Listenteilnehmer,

am 9. und 10. Oktober 2009 nahm die Tagung "Franken und die Weltmission 
im 19. und 20. Jahrhundert", veranstaltet vom Wuerzburger 
Dioezesangeschichtsverein in Zusammenarbeit mit Archiv und Bibliothek 
des Bistums Wuerzburg, Bezirk Unterfranken, Lehrstuhl fuer Neueste 
Geschichte und Professur fuer Fraenkische Kirchengeschichte der 
Universitaet Wuerzburg sowie Mission EineWelt, Neuendettelsau, aus 
unterschiedlichen Blickwinkeln die Resonanzen der Weltmission in 
Franken in den Blick, gleichzeitig zeigte sie Impulse aus der Region 
fuer die globale missionarische Arbeit auf.

Der eroeffnende Vortrag von WOLFGANG BRUECKNER (Wuerzburg) fuehrte in 
die ideellen und materiellen Auspraegungen der Mission in Franken ein. 
Er stellte die enge Verbindung des missionarischen Gedankens mit 
missionarischer Taetigkeit heraus. In beiden Konfessionen waren die 
Bereiche der Christianisierung, Medikalisierung, Alphabetisierung, 
Kolonialisierung, Militarisierung, im engeren Sinne der Modernisierung, 
ueber die Jahrhunderte mit der Missionsarbeit verknuepft. Vom 
Selbstverstaendnis her bildete der Missionshelfer den Vorlaeufer des 
heutigen Entwicklungshelfers. Brueckner machte die Durchdringung der 
Froemmigkeit mit dem Missionsgedanken an seiner Institutionalisierung 
in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert in mehreren Bereichen fest: 
Etwa im personellen Bereich mit der Gruendung und dem Aufschwung von 
speziell auf die Mission ausgerichteten Gemeinschaften die ihren 
Mitgliedern eine zeitlich uebergreifende Sinnstiftung boten; daneben im 
Bereich von Veranstaltungen und Werbemitteln fuer die Mission, deren 
Einsatz zentral durch die Kirche koordiniert, professionalisiert und 
verstaerkt wurde. Die in diesem Zusammenhang ueberlieferten Sachquellen 
und Druckerzeugnisse spiegeln nicht nur die Verbreitung unter den 
Glaeubigen wider, sondern geben gleichzeitig Auskunft ueber die 
aenderung des Missionsverstaendnisses von der "Heidenmission" zur 
Partnerschaft bei einer gemeinschaftlichen Entwicklungs- und 
Friedensarbeit. Brueckner fuehrte weiter aus, dass die Belebung des 
Missionsgedankens durch das glaeubige Volk im Deutschen Reich auch mit 
der parallelen Kolonialisierung einher ging.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema am Studientag 
leitete der Vorsitzende des Wuerzburger Dioezesangeschichtsvereins, 
WOLFGANG WEISS (Wuerzburg), ein. Weiss erlaeuterte den zeitlichen 
Zuschnitt der Tagung mit der in der Romantik des 19. Jahrhunderts 
aufkommenden Staerkung des Glaubens und daraus resultierenden 
Auswirkungen auf das Kirchenvolk und die Mission, die die ur-eigene 
Aufgabe der Christen, die Frohe Botschaft hinaus in die Welt zu tragen 
fuer einen langen Zeitraum intensivieren. Gleichzeitig verdeutlichte 
Weiss den Charakter der Mission als "Seismographen" fuer die Identitaet 
der Christen in der Heimat, denn das Selbstverstaendnis der Menschen 
sei an ihrem Auftreten in der Welt zu erkennen. Das breit gefaecherte 
Programm der Tagung gebe nicht nur einen Eindruck der vielfaeltigen 
Impulse und Resonanzen der Mission in Franken, sondern wolle auch 
Anregungen fuer Forschungen in der Missionsgeschichte geben.

Einen Ueberblick ueber die Entwicklung der katholischen und 
evangelischen Missionsgeschichte boten die Vortraege von ANDREAS 
NEHRING (Erlangen) und P. KLAUS SCHATZ (St. Georgen). Die 
historiographische Ausrichtung des Vortrags von Nehring verdeutlichte 
fuer die Missionsgeschichte die Notwendigkeit, universalistische 
Kirchengeschichtsschreibung durch eine lokal orientierte 
Christentumsgeschichte abzuloesen um der vielfaeltigen Materie gerecht 
zu werden. Gleichsam parallel zur aenderung des Missionsverstaendnisses 
hin zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit folgten kontextualisierte 
Betrachtungsansaetze auf die eurozentrische Perspektive, deren Fokus 
die sozio-kulturellen Eigenheiten einzelner Regionen treffen. Dennoch 
sei, so Nehring, die Selbstreflexion und die Neuausrichtung der 
Missionsgeschichte bislang unzulaenglich und verstaerkt zu betreiben.

Auf katholischer Seite stellte Schatz die Phasen missionarischer 
Taetigkeit von der Zusammenarbeit mit Kolonialmaechten seit dem 16. 
Jahrhundert bis hin zu einer Ausrichtung auf die paepstlichen Werke zur 
Glaubensverbreitung im 19. und 20. Jahrhundert dar. Seine vier 
Jahrhunderte umspannenden Ausfuehrungen machten gleichzeitig die 
Institutionalisierung von Mission innerhalb der katholischen Hierarchie 
deutlich, wie auch die Verankerung des Missionsgedankens innerhalb des 
Kirchenvolkes. Ausgehend von der staatsgetragenen Mission unter 
spanischem und portugiesischem Patronat und der darauf folgenden 
dominanten Rolle des Papsttums zeigte Schatz die Entwicklung der 
Mission zur professionalisierten und institutionalisierten Bewegung, 
die sich unter den Glaeubigen etablierte und im spaeten 19. Jahrhundert 
auch das katholische Deutschland erfasste. Die Zeitverzoegerung 
erklaere sich durch die Diasporasituation in Norddeutschland und die 
seelsorglichen Bemuehungen um die Amerikaemigranten, die missionarische 
Energien banden, gleichzeitig seien durch Kolonialismus und Kulturkampf 
zwei dynamisierende Faktoren zum Tragen gekommen. Schatz erlaeuterte 
weiter, dass die konfessionelle Spaltung der Mission eher zum Nutzen 
als zum Schaden gereicht haette, da durch die Konkurrenzsituation von 
katholischen und protestantischen Missionsbestrebungen diese eine 
Verstaerkung erfahren haetten.

Die weiteren Sektionen thematisierten Strukturen und Institutionen, die 
in der Mission zum Tragen kamen sowie Persoenlichkeiten aus der Region, 
die missionarisch wirkten.
P. HUBERT WENDL (Wuerzburg) zeigte die Geschichte der Missionare von 
Mariannhill auf, die ihren deutschen Heimatstandort bis heute in 
Wuerzburg haben. Seine Ausfuehrungen verdeutlichten ein doppeltes 
Spannungsfeld, in dem sich die Ordensarbeit vollzog: Einerseits die 
Auseinandersetzungen mit der Mariannhiller Mutterkongregation der 
Trappisten, die sich um den Stellenwert und die Durchsetzung der 
Missionsarbeit innerhalb der zisterziensisch-monastischen Vorgaben 
drehte und schliesslich zur Abtrennung der Mariannhiller von den 
Trappisten fuehrte (1882-1909); andererseits der kraeftezehrende 
Brueckenschlag zwischen der fraenkischen Basis und dem 
suedafrikanischen Arbeitsfeld.

Daneben folgte ANDREAS HEIL (Wuerzburg) der Entwicklung des 
Verhaeltnisses zwischen Staat und evangelischen Missionsvereinen im 19. 
Jahrhundert. Heil kennzeichnete die Schwierigkeit der Durchsetzung 
eines zentralen protestantischen Missionsvereins als staatliche 
Blockade, die Vereinsarbeit als Agitationsmoeglichkeit zu unterdruecken 
suchte und dies auch auf die lokale Ebene gegenueber Ortsvereinen 
ausdehnte. Bei der Gruendung des "Centralmissionsvereins" 1843 
erschwerten innerkonfessionelle Schwierigkeiten, die die 
Bekenntnisausrichtung des Vereins und der Missionsarbeit ueberhaupt 
betrafen, dessen Wirksamkeit. Die Umformung in den Evangelischen-
Lutherischen Missionsverein fuer Bayern 1853 beruhigte die Lage soweit, 
dass der bayerische Missionsverein sich schrittweise von staatlichen 
Eingriffen abloesen konnte. Auch in den linksrheinischen Gebieten, so 
Heil, ging die loyale Haltung des Vereins mit Zugestaendnissen der 
Regierung einher.

Die folgende Sektion brachte Einzelpersoenlichkeiten und Kreise von 
missionarisch taetigen Glaubensmaennern in Asien zur Sprache. Der 
Vortrag von PHILIPP HAUENSTEIN (Neuendettelsau) ueber die beiden 
Neuendettelsauer Neuguinea-Missionare Johann Flierl (1858-1947) und 
Christian Keysser (1877-1961) brachte unterschiedliche 
Herangehensweisen von Missionaren zur Sprache, die mit ihrer 
Persoenlichkeit die missionarische Arbeit stark praegten. Flierl suchte 
in einer heilsgeschichtlichen Perspektive durch die christliche 
Vorbildfunktion des Missionars innerhalb einheimischer Gemeinden die 
lutherische Glaubenslehre zu verbreiten, waehrend Keysser Mission durch 
kulturelle Reziprozitaet innerhalb des einheimischen Clansystems 
verfolgte. Hauenstein charakterisierte beide Positionen als wichtig 
fuer die heutige Missions- und Entwicklungsarbeit.

Die Ausfuehrungen von JOHANNES MAHR (Ochsenfurt) zeigten dagegen anhand 
der Koreamission der Muensterschwarzacher Benediktiner im fruehen 20. 
Jahrhundert den Primat der Ordensarbeit gegenueber der Leistung 
einzelner Moenche. Mahr konnte als Unterstuetzung der Abtei 
Muensterschwarzach fuer die Missionsstationen und neuen Gemeinden eine 
Reihe von Massnahmen in verschiedenen Bereichen wie Bauwesen oder Kunst 
ausmachen, ergaenzt von starken personellen und sachlichen Zuwendungen. 
Gleichzeitig betonte er den Anteil von starken Einzelpersoenlichkeiten, 
die sich von ihrem missionarischen Eifer getragen voellig in den Dienst 
des Ordens stellten und sich durch die Uebertragung verschiedener, 
situationsnotwendiger Aufgaben zu wahren Alleskoennern entwickeln 
mussten. Der Einsatz der Missionsbenediktiner ging, so Mahr, mit der 
Entwicklung einer starken einheimischen Ordensbelebung einher, die sich 
in schwierigen politischen Verhaeltnissen etablieren und ihren am Ur-
Christentum orientierten Charakter bewahren konnte.
 Zwei Beitraege zur Wahrnehmung der Missionstaetigkeit in der Fremde 
und in Franken anhand der Korrespondenz einer evangelischen 
Missionarsfrau, erarbeitet von JULIA KOCH (Arnstein-Gaenheim), und der 
Missionsarbeit der Erloeserschwestern und der Oberzeller 
Franziskanerinnen, vorgestellt von VERA HOLLFELDER (Wuerzburg), 
rundeten die Tagung ab. Koch konnte in den Briefen der Lina Raum aus 
Deutsch-Ostafrika nach Franken fuer den Zeitraum zwischen 1898 und 1903 
die Lebenswelt einer Missionarsgattin nachzeichnen und stellte dabei 
die Rueckbesinnung auf europaeische, heimatliche Lebensweisen als 
konstitutiv heraus. Hollfelder beleuchtete die Taetigkeit der beiden 
Frauenkongregationen, die in den 1950er Jahren nach Afrika ausgesandt 
wurden, hinsichtlich ihres Vorgehens und den in der Mission gesammelten 
Erfahrungen. Unterschiedliche Strategien dieser Gemeinschaften, sich 
vor Ort innerhalb Apartheid und Multireligioesitaet zu etablieren, 
kennzeichnen ebenso ihre Arbeit wie die wachsende Akzeptanz innerhalb 
der Bevoelkerung durch eine Forcierung der Entwicklungshilfe.

Die Beitraege der Tagung leisteten eine vorzuegliche Einfuehrung in die 
Bearbeitung der neueren Missionsgeschichte und vermittelten einen 
Eindruck der immensen thematischen Breite. Dabei zeigte die Tagung das 
Spannungsfeld zwischen Gesellschaft, christlichen Kirchen, 
Einzelpersoenlichkeiten und politischem Hintergrund auf, in dem sich 
die Mission als Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung bewegt. 
Interessante Einblicke und weiterfuehrende Anstoesse gab die 
interkonfessionell ausgerichtete Perspektive der Tagung, deren 
komparatistischer Ansatz fruchtbar auf typische Phaenomene der 
Missionsgeschichte jenseits der Bekenntnisgeschichtsschreibung hinwies.
Die Vortraege der Tagung werden zusammen mit ergaenzenden Beitraegen 
und Materialien im 65. Band der "Quellen und Forschungen zur Geschichte 
des Bistums und Hochstifts Wuerzburg" 2010 publiziert. 

Die Tagung wurde unterstuetzt durch die freundliche Bereitstellung von 
Drittmitteln aus der Unterfraenkischen Kulturstiftung des Bezirks 
Unterfranken.


Agenda der Tagung "Franken und die Weltmission im 19. und 20. 
Jahrhundert" am 9. und 10. Oktober 2009

 (Wuerzburg): Die Aufnahme des Missionsgedankens im fraenkischen 
Kirchenvolk

Sektion I: Ueberblick
WOLFGANG WEISS (Wuerzburg): Fundierung und Perspektiven aktueller 
Missionsgeschichtsforschung
ANDREAS NEHRING (Erlangen): Kennzeichen und Entwicklungen evangelischer 
Mission (Schwerpunkt: 18. und 19. Jh)
P. KLAUS SCHATZ (St. Georgen): Die katholische Kirche und die Mission - 
ein Ueberblick vom 16. bis zum 20. Jahrhundert

Sektion II: Strukturen und Institutionen
P. HUBERT WENDL (Wuerzburg): Die Missionare von Mariannhill
ANDREAS HEIL (Wuerzburg): Staat und evangelische Missionsvereine im 19. 
Jahrhundert

Sektion III: Das missionarische Wirken von Einzelpersoenlichkeiten und 
Kreisen
PHILIPP HAUENSTEIN (Neuendettelsau): Die Neuendettelsauer Neuguinea-
Missionare an Hand von Johann Flierl und Christian Keysser
JOHANNES MAHR (Ochsenfurt): Muensterschwarzacher Benediktiner in Korea

Sektion IV: Wahrnehmungen der Missionstaetigkeit in der Fremde und in 
Franken
JULIA KOCH (Arnstein-Gaenheim): Korrespondenz einer evangelischen 
Missionarsfrau
VERA HOLLFELDER (Wuerzburg): Erfahrungen und Resonanzen - 
Erloeserschwestern und Oberzeller Schwestern in der Mission

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