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Rezension: T. Dietrich ueber B. Stambolis, Religioese Festkultur(x-post H-Soz-u-Kult)



Sehr geehrte Damen und Herren,

Nachfolgend leiten wir Ihnen eine Rezension aus der H-NET-Liste fuer
Sozial- und Kulturgeschichte (H-Soz-u-Kult) weiter.



From: Tobias Dietrich <TobiasDietrich@epost.de>
Date:	03.11.2001
Subject: B. Stambolis: Religiöse Festkultur
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Stambolis, Barbara: Religiöse Festkultur. Tradition und Neuformierung
katholischer Frömmigkeit im 19. und 20. Jahrhundert. Das Liborifest in
Paderborn und das Kilianifest in Würzburg im Vergleich (= Forschungen zur
Regionalgeschichte 38), Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh Verlag 2000,
ISBN: 3-506-79611-9. 400 S., DM 88,-.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Tobias Dietrich, Universität Trier
Email: <TobiasDietrich@epost.de>


Seit einigen Jahren ist die zuvor als "Terra incognita" (1) beklagte
Sozialgeschichte der Religion im Begriff entdeckt zu werden. Die im
französischen Forschungskontext stehenden Mentalitätsdebatten rezipierend,
entstehen zahlreiche Studien deutscher Historiker mit dem Ziel, religiöse
Erfahrungen zu beleuchten. Dies fördert auch umfassende Kenntnisse zur
"katholischen Lebenswelt" zu Tage, deren Synthesemöglichkeiten mittels des
"Milieubegriffs" kontrovers diskutiert werden: Gibt es zwischen 1800 und
1960 einen geschlossenen katholischen Kulturkreis? Unterscheidet er sich
regional oder umfasst er die deutschsprachige, katholische Welt insgesamt?

Barbara Stambolis legt ihre Antworten in Form einer Habilitation vor. Sie
konzentriert sich auf einen wichtigen Milieuindikator: die religiöse
Festkultur zwischen 1736/1800 und 1990. Zugleich knüpft sie durch die Wahl
ihres Untersuchungsgegenstandes an die Forschungsfelder "Nationalismus" und
"Heimatbewegung" an, wodurch ihre Arbeit weit über bisher vorliegende, oft
eng geführte "Milieustudien" hinausgeht. Exemplarisch interessieren das
Paderborner Liborifest und dessen Würzburger Gegenstück zu Ehren des
Heiligen Kilian. Diesen Kundgebungen stellt sie weitere exponierte
Feierlichkeiten, z.B. die Trierer Rockwallfahrten (115f), aber auch
Einzelfallstudien, etwa zum sauerländischen Rüthen (296-302), zur Seite.

Gerade in der Gegenüberstellung des zunehmend dechristianisierten
Kiliani-Festes und der fortwährend religiös dominierten Libori-Feier (321)
arbeitet Stambolis heraus, dass die katholische Festkultur sich
anpassungsfähig genug verhält, um bis heute fortzudauern. In Würzburg löst
sich die "untrennbare Einheit" (41) von kirchlichem und profanem Charakter
des Festes schon frühzeitig auf.

Im Vormärz unterstützen zwar katholische Erneuerer noch die Vorstellungen
der gerade in Sängervereinen zusammengeschlossenen, süddeutschen Liberalen,
dass das Fest vornehmlich regionale Einheit zu artikulieren habe (96). Im
Laufe des 19. Jahrhunderts jedoch gewinnt die zivile Inszenierung des
Kiliani-Festes als fränkisches Oktoberfest (73, 145) die Oberhand über die
religiösen Anteile. Diese Entwicklung erhält nach dem ersten Weltkrieg durch
Turnveranstaltungen und die Heimatbewegung weiteres Gewicht (71-76,
145-158).

Lokalstolz und regionale Identifikation bleiben in den Libori-Festivitäten
hingegen sekundär. Gerade in Paderborn pflegt man die "milieutypische
Führertreue" zu Papst und kirchlichen Repräsentanten (193-199, 333). Die
"'schwarze' Stadt" (313) enthält ein "latentes Resistenzpotential" (201)
katholischer Religiosität, wodurch es ihren Einwohnern gelingt, in Kultur-
und Kirchenkämpfen das "Althergebrachte" zu verteidigen (259). Zudem
schließen die frommen Westfalen ihr "Haus voll Glorie" schon in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts gegenüber protestantisch-nationalisierenden
Tendenzen ab, obwohl man die preußischen Monarchen und die späteren Kaiser
wohlgesonnen feiert (85-87, 177-196, 328).

Allerdings muss nach Stambolis die katholische Widerstandsfähigkeit durch
Anpassungskraft ergänzt werden, um den zahlreichen politisch bedingten,
funktionalen Veränderungen zwischen Napoleon und NS-Zeit längerfristige,
mentale Kontinuitäten gegenüber zu setzen (324). Dies macht Stambolis über
das Würzburger und vor allem das Paderborner Beispiel hinaus an den
Wallfahrten in Werl/Westfalen klar. In der Mitte des 19. Jahrhunderts zieht
dieser Ort der Marienverehrung große Pilgermengen an (122). 100 Jahre später
zeichnen sich ähnliche Konjunkturen ab. Im Zusammenhang der politisch
beabsichtigten und kirchlich unterstützten "Beheimatung und Integration" von
Ostflüchtlingen (288-291) erfreut sich die Werler Wallfahrt seit 1946 großer
Attraktivität bei den Vertriebenen. Die Paderborner Bistumsleitung wie die
örtliche Kirchenvertretung beleben diese Anziehungskraft des
"Wallfahrtszentrums" (292f) dadurch, dass sie anders als zuvor eine "stark
im Gemüthaften verwurzelte Heiligenverehrung" fördern (291).

Auch in den 1970er Jahren agiert man in Werl flexibel und führt neue Pilger-
und Kultformen ein (319), ohne den traditionalen Kerngedanken der Wallfahrt
in Frage zu stellen. So ermöglichen die Kirchenvertreter eine Kontinuität,
die sich erfolgreich gegen die allgemeine Festmüdigkeit wendet (311).

Dazu können sie sich im 19. und 20. Jahrhundert durchweg auf eine aktive
Beteiligung der Laien stützen, die gerade während des Nationalsozialismus
eine tragende Rolle für die Fortdauer katholischer Feste spielen (266). Vor
allem Jugendliche und Arbeiter hebt Stambolis als "Säulen des katholischen,
mehr religiös als sozial zu bestimmenden Milieus" hervor (138-144, 213-219,
229).

Insgesamt zeigt Stambolis überzeugend, "dass religiöse Feste sich in der
konkurrierenden Vielfalt alternativer Sinnwelten zum christlichen Horizont
im Festleben der Neuzeit behaupten konnten, weil in ihnen einerseits
kirchliche Traditionen weiterlebten und andererseits zeitbedingte
Veränderungen zu einem breit gefächerten Wandel inhaltlicher Akzentuierungen
sowie der Formensprache führten" (339). Nur "ansatzweise" erkennt sie
hingegen ein "schichtenübergreifendes und durch religiöse Erfahrung
zusammengehaltenes Milieu" (330). Dieses muss sogar noch fragiler und
uneinheitlicher als Stambolis vorschlägt gedacht werden, wenn man ihre
Resultate in ein Schema einordnet, so wie es der Arbeitskreis für kirchliche
Zeitgeschichte in Münster vorschlägt [1]. Demnach ist das Bistum Würzburg
als "traditionale Lebenswelt" zu betrachten, während Paderborn dem
"Sonderweg" des westfälischen katholischen Milieus folgt.

Barbara Stambolis schreibt in nüchternem Stil eine Studie, die von immensen
Literaturkenntnissen profitiert. Obwohl viele Einzelergebnisse bereits in
Aufsatzform vorliegen, verliert das Buch nicht viel an inhaltlicher
Faszination, wozu beiträgt, dass Stambolis in ihrer empirischen
Bestandsaufnahme Lieder innovativ mit einbezieht, während die zahlreichen
Abbildungen in der Publikation leider nur illustrative Funktion besitzen.

Irritierend ist hingegen der chronologische Aufbau ihrer Darstellung. Eine
sachthematische Gliederung wäre wünschenswert gewesen. Sie würde offenbaren,
dass der untersuchte Gegenstand dem diffusen und undefiniert bleibenden
Bereich der Mentalitätsgeschichte zugehört und die beanspruchte "lange
Dauer" (10) sich mit Ausnahme eines einleitenden Kapitels (23-48) auf "nur"
200 Jahre beschränkt. Zugleich würde die sachliche Ordnung des Stoffes
stärker zu diachronen Vergleichen verpflichten. So würde dem Leser zum
Beispiel klarer werden, dass die "romantische Religiosität" um 1830 mit der
"Rückbesinnung auf das 'christliche Abendland'" nach 1945 auffallend eng
verwandt ist.

Insgesamt trägt Stambolis wichtiges bei, um einen bislang vernachlässigten
Teilaspekt der katholischen Glaubenswelt des 19. und 20. Jahrhunderts zu
beleuchten. Ihre Studie bereitet somit das Forschungsterrain zur
Beschäftigung mit der religiösen Festkultur im Katholizismus vor, die viel
mehr als das katholische Vereins- und Pressewesen weiterer Erforschung
bedarf.

[1] Arbeitskreis für kirchliche Zeitgeschichte [AKKZG]: Konfession und
Cleavages. Ein Erklärungsmodel zur regionalen Entstehung des katholischen
Milieus in Deutschland. In: Historisches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft
120 (2000), S. 358-395.


Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Michael Lemke <lemkem@geschichte.hu-berlin.de>

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