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Geschichte Bayerns
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Rezension: Loeffler ueber Pohl, Suedzucker AG (x-post H-SOZ-U-KULT)
Liebe Listenmitglieder,
die folgende Rezension wurde uns freundlicherweise von der H-NET Liste
fuer Sozial- und Kulturgeschichte <H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU> zur
Verfuegung gestellt.
From: "Bernhard Loeffler" <qaloef01@fsuni.rz.uni-passau.de>
Subject: Rez. ZG: M. Pohl, Die Geschichte der Suedzucker AG
Date: 29.08.2001
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Manfred Pohl, Die Geschichte der Suedzucker AG. 1926-2001, Muenchen -
Zuerich: Piper Verlag 2001, ISBN 3-492-04330-5, DM 78,00.
Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:
PD Dr. Bernhard Loeffler, Lehrstuhl fuer Neuere und Neueste Geschichte,
Universitaet Passau Email: <qaloef01@fsuni.rz.uni-passau.de>
Die Geschichte von Unternehmen und Unternehmern ist derzeit ausgesprochen
en vogue. Ploetzlich beschaeftigen sich damit auch renommierte
Allgemeinhistoriker. Lothar Gall schreibt ueber Hermann J. Abs, Hans
Mommsen ueber das Volkswagenwerk, Klaus Hildebrand ueber die Deutsche
Reichsbahn. Einer der Hauptprotagonisten dieser historiographischen
Entwicklung ist sicherlich Manfred Pohl, Leiter des Historischen Instituts
der Deutschen Bank und eine der treibenden Kraefte der ruehrigen
Frankfurter Gesellschaft fuer Unternehmensgeschichte. Pohl und seine
Mitarbeiter produzieren dabei Unternehmensgeschichten beinahe am
Fliessband. So erschienen unter Pohls Namen in den letzten fuenf Jahren
die Geschichten von Philipp Holzmann, Landwirtschaftlicher Rentenbank,
Strabag, Lombardkasse, VIAG-Aktiengesellschaft und Bayernwerk. [1] Hierzu
tritt nun die Suedzucker AG.
Es handelt sich bei dem Werk gleichsam um die Fortschreibung,
Ueberarbeitung und Erweiterung einer 1987 erschienenen und ebenfalls von
Pohl verfassten Geschichte desselben Unternehmens [2] unter veraendertem
Blickwinkel, (anders als 1987) mit wissenschaftlichen Belegen und auf
erweiterter Quellengrundlage. Dies macht sich an zwei thematischen Feldern
besonders bemerkbar. Zum einen gelingt es mit der neuen Studie erstmals,
die Geschichte der Suedzucker in der Zeit des Nationalsozialismus
eindringlich und in breiterem Rahmen nachzuzeichnen. Das geht weit ueber
die davor erfolgte Beschraenkung auf eher "technische" und
unternehmensorganisatorische Details wie Beteiligungen, Betriebsaufbau
oder Finanzstruktur hinaus und bezieht nun vor allem auch die Behandlung
der juedischen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder sowie der
auslaendischen Zwangsarbeiter in die Untersuchung mit ein (Kapitel 5, S.
139-214). Pohl gelangt hier zu dem Ergebnis, das Verhaeltnis des
Unternehmens zum NS-Regime sei "schwer durchschaubar" gewesen (S. 194).
Dies lag nicht zuletzt an der starken Position der italienischen
Montesi-Gruppe, die bei weitem die Aktienmehrheit an Suedzucker hielt und
ihrerseits in enger Verbindung mit dem Suedzucker-Vorstand Albert
Flegenheimer stand. Flegenheimer - neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden
Albert Zapf lange Jahre die dominante Persoenlichkeit bei Suedzucker,
zudem ueber die Wuerttembergische Melassefutterwerke GmbH Stuttgart im
Besitz von ueber 7 Prozent der Suedzuckeraktien - war wie der
Suedzucker-Aufsichtsrat und Deutsche-Bank-Vorstand Theodor Frank Jude.
Angesichts der internationalen Verflechtung des Unternehmens habe die
juedische Herkunft der beiden jedoch bis 1935 keine grosse Rolle gespielt,
so Pohl. Und auch danach haetten die Italiener und teilweise auch die
Haus- und Konsortialbank des Unternehmens, die Deutsche Bank, die selbst
10 Prozent der Suedzucker-Aktien hielt, maessigend gewirkt.
Allerdings habe sich der Druck sukzessive verstaerkt, ehe 1938
gleichermassen die "Arisierung" wie die "Nationalisierung" der Suedzucker
AG vollzogen worden sei, bemerkenswerterweise ebenfalls hauptsaechlich
unter Regie der Deutschen Bank, die das "italienisch-juedische"
Aktienpaket an die Suedzucker und die Zuckerfabrik Kleinwanzleben, vormals
Rabbethge & Giesecke AG, transferieren half und gleich weiter verwaltete.
Dies kann gut die zwiespaeltige Rolle der Bank verdeutlichen, die zwar
einerseits die unternehmensinternen nationalsozialistischen Scharfmacher
und antijuedischen Intriganten in Schranken zu halten versuchte, die
andererseits aber auch pragmatische Geschaeftspolitik im Rahmen des
Systems betrieb. Einfluss und Bedeutung der Deutschen Bank waren und sind
uebrigens seit der Gruendung der Suedzucker AG durchgehend gegeben und
zeigen sich etwa auch in der Rolle von Hermann J. Abs oder Ulrich Weiss
als Aufsichtsratsvorsitzende des Unternehmens.
Der zweite grosse Punkt, der die Suedzucker-Geschichte von 2001 von ihrer
Vorgaengerin nachhaltig unterscheidet, ist die wesentlich staerkere
Beachtung der aktuellsten unternehmensgeschichtlichen Entwicklungen. Der
Schwerpunkt der Arbeit von 1987 lag eher auf der Zuckergeschichte bis in
die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Wer Genaueres ueber die
entsprechenden unternehmensgeschichtlichen wie zuckertechnischen
Zusammenhaenge und die Zuckerfabrikation in der Phase der
Industrialisierung erfahren will, ist daher auch kuenftig besser mit der
in diesen Fragen reichhaltigeren und instruktiveren alten Darstellung
bedient. Das vorliegende Werk bietet hier - mit Ausnahme der Schilderung
der unmittelbaren Vorgaenge zur 1926 erfolgten Gruendung der Suedzucker AG
als Zusammenschluss der Zuckerfabriken Mannheim-Waghaeusel, Frankenthal,
Stuttgart-Cannstatt, Heilbronn und Offstein (Kapitel 4, S. 85-137) - im
Ganzen nur kursorische Informationen (vgl. die recht oberflaechliche und
unkonzentriert wirkende Einleitung sowie Kapitel 1-3, S. 11-83). Die
Entwicklungstendenzen seit dem Zweiten Weltkrieg werden dagegen weit
intensiver und wesentlich ausfuehrlicher in der neuen Analyse skizziert.
Zwei unternehmensgeschichtliche Zaesuren treten dabei deutlich hervor.
Nach einer Phase des schwierigen Wiederaufbaus in einer durch die prekaere
Ernaehrungslage, eine unzureichende Rohstoffversorgung und die
eingeschraenkten Verarbeitungskapazitaeten gekennzeichneten Situation nach
Kriegsende und einer Periode der stetigen unternehmerischen
Konsolidierung, einer Steigerung des Ruebenanbaus und einer zunehmenden
Auslastung der Produktion seit den fuenfziger Jahren (beschrieben in
Kapitel 6 und 7, S. 215-285) stellte die 1988 vom Bundeskartellamt
genehmigte Fusion der Suedzucker AG mit der Frankenzucker GmbH Ochsenfurt
einen tiefen Einschnitt dar, "das wichtigste Ereignis in der sueddeutschen
Zuckerindustrie" seit Gruendung der Suedzucker (S. 295). Die Suedzucker AG
wurde damit nicht nur in die Spitzengruppe der europaeischen
Zuckerhersteller katapultiert (drittgroesster Zuckerproduzent nach dem
italienisch-franzoesischen Agrarkonzern Feruzzi und der British
Sugar-Gruppe). Darueber hinaus zeigt sich in der gelungenen Verschmelzung
unter Fuehrung und Praeponderanz der Suedzucker auch ein interessanter
betrieblich-unternehmensorganisatorischer Trend.
Die Frankenzucker war 1951 als ein vornehmlich von den baeuerlichen
Ruebenanbauern forciertes und von der Sueddeutschen
Zuckerrueben-Verwertungsgenossenschaft dominiertes
verbandlich-korporatives Unternehmensmodell gegruendet worden, in
Konkurrenz zu den Interessen der in der Suedzucker AG repraesentierten und
von den Banken gestuetzten Zuckerproduzenten und -verarbeitern. 1987/88
wurde dieser zweiteilig-gegenlaeufige Entwicklungspfad unter dem Druck der
europaeischen Konkurrenz verlassen und letztlich zugunsten des
"kapitalistischen", produzentendominierten und auf stetes betriebliches
Wachstum zielenden Modells entschieden.
Diese Tendenz fand in den neunziger Jahren ihre fast logische Fortsetzung.
In einem zweiten grossen Entwicklungsschub erweiterte die Suedzucker AG
gezielt ihre Beteiligungen, vergroesserte ihre Produktpalette vor allem
mit Uebernahme der auf die Sparte Speiseeis und Tiefkuehlkost
spezialisierten Schoeller-Holding im Jahr 1994 ganz erheblich und
versuchte, den neuen Anforderungen von Globalisierung und veraenderter
deutschlandpolitischer und weltwirtschaftlicher Lage mit grossen
Akquisitionen in Belgien (Raffinerie Tirlemontoise), in Oesterreich und
Osteuropa, v.a. Ungarn, Tschechien und Polen (in erster Linie durch
Uebernahme der Agrana Beteiligungs-AG Wien) sowie in den neuen
Bundeslaendern zu begegnen. Aus einem regional beschraenkten
Zuckerunternehmen wurde so in zwei Jahrzehnten ein recht breit
diversifizierter europaeischer Nahrungsmittelkonzern, dessen Aktionsrahmen
seit den sechziger Jahren bemerkenswerterweise auch weit mehr und
zunehmend von der europaeischen Agrar- und Zuckermarktordnung mit ihren
komplizierten Produktionsquoten, Preisbestimmungen und Zollsaetzen denn
durch nationale Vorgaben abgesteckt wurde.
Zu monieren sind an der Studie neben einigen, vermutlich der eingangs
erwaehnten hohen Produktivitaet des Autors und seines Teams und der daraus
folgenden zuegigen Schreibweise geschuldeten Fluechtigkeitsfehlern und
Ungenauigkeiten - so gab es z.B. in Bayern keinen Koenig Maximilian IV.
(S. 27), die "Bauernbefreiung" fand dort erst 1848 statt (S. 14 f., 30)
und der erwaehnte bayerische Agrarminister heisst Alois Schloegl (S. 245)
- vor allem folgende Punkte: Mit Ausnahme der speziellen
Zwangsarbeiter-Problematik fehlt fast durchgehend eine eingehendere
Schilderung der Situation der Arbeiterschaft in den Zuckerfabriken (nur
sporadische Erwaehnungen auf S. 45 f., 62 f., 131 f.).
Auch fuer die wesentlich breiter dargestellte Besetzung und Rolle der
Unternehmensleitung, also von Vorstand und Aufsichtsrat, wuerde man sich
mitunter einen systematischeren prosopographischen Zugriff wuenschen, um
mehr ueber Kontinuitaeten und Brueche des Sozial- und Karriereprofils zu
erfahren. An manchen Stellen vermisst man eine staerkere gesellschafts-
und kulturgeschichtliche Unterfuetterung, etwa den Blick auf die
Zusammenhaenge von Landwirtschaft und Industrie und die daraus
resultierenden Probleme oder auf die Wandlungen des Zuckerkonsums und der
zugrundeliegenden Ernaehrungsgewohnheiten der Gesellschaft; all dies wird
allenfalls am Rande angedeutet. Schliesslich scheint mir auch die
Verzahnung von Unternehmensgeschichte und Technikgeschichte oft zu gering,
obwohl die Entwicklung der einzelnen Fabriken wie des gesamten Konzerns
doch ganz erheblich von zuckertechnischen Forschungen und Innovationen,
von Produktionsfortschritten oder Anbaumethoden abhaengig war und dies
etwa auch in der aelteren Untersuchung zu Suedzucker von 1987 staerker
behandelt ist.
Insgesamt freilich erscheint in der Darstellung Pohls ein ausgewogenes
Gesamtbild eines Unternehmens, das eher unspektakulaer gewirtschaftet hat
und in der Oeffentlichkeit nur wenig Beachtung findet, das sich aber in
aller Stille und sehr zielstrebig zum groessten deutschen
Nahrungsmittelkonzern und zu einem massgeblichen Akteur auf dem
europaeischen Markt gemausert hat. Dabei handelt es sich um keine der
lange Zeit ueblichen verklaerenden Unternehmenshagiographien, sondern um
eine kritische, die massgebliche Forschungsliteratur beruecksichtigende
und auf einer soliden Quellenbasis (v.a. aus den Unternehmensarchiven von
Suedzucker und Deutscher Bank) ruhende Darstellung. Sie erfuellt damit
wohl nicht die Kriterien der von Toni Pierenkemper geforderten
analytischen, dezidiert oekonomisch und staerker wirtschaftstheoretisch
akzentuierten Unternehmensforschung, aber sie kommt durchaus den von Pohl
selbst gesteckten Zielen einer narrativ angelegten und streng
"verwissenschaftlichten" Unternehmenshistorie als Teil der
Allgemeingeschichte nach. [3]
Anmerkungen:
[1] Manfred Pohl, Das Bayernwerk 1921-1996, Muenchen-Zuerich 1996; Ders.
(unter Mitarbeit von Andrea H. Schneider), VIAG Aktiengesellschaft
1923-1998. Vom Staatsunternehmen zum internationalen Konzern, Muenchen -
Zuerich 1998; Ders., Die Lombardkasse Aktiengesellschaft 1923-1998,
Muenchen - Zuerich 1998; Ders., Die Strabag 1923-1998, Muenchen - Zuerich
1998; Ders., Philipp Holzmann. Geschichte eines Bauunternehmens 1849-1999,
Muenchen 1999; Ders. / Andrea H. Schneider, Die Rentenbank. Von der
Rentenmark zur Foerderung der Landwirtschaft. 1923 - 1949 - 1999, Muenchen
- Zuerich 1999. [2] Manfred Pohl, Suedzucker 1837-1987. 150 Jahre
Sueddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft Mannheim, Mainz 1987. [3] Manfred
Pohl, Zwischen Weihrauch und Wissenschaft? Zum Standort der modernen
Unternehmensgeschichte. Eine Replik auf Toni Pierenkemper, in: Zeitschrift
fuer Unternehmensgeschichte 44 (1999), S. 150-163; dagegen Toni
Pierenkemper, Was kann eine moderne Unternehmensgeschichtsschreibung
leisten? Und was sollte sie tunlichst vermeiden, in: ebd., S. 15-31.
Diese Rezension wurde redaktionell betreut von
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfvera@geschichte.hu-berlin.de>
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