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Rezension: Murr ueber Burkhardt/Haberer: Friedensfest (x-post FNZ, H-SOZ-U-KULT)



[Sehr geehrte Damen und Herren,
am 24. Juli 2000 wurde auf dieser Mailingliste eine Neuerscheinung zum
"Augsburger Hohen Friedensfest" angezeigt. In Ergaenzung dazu leiten wir
Ihnen nachfolgend eine Rezension des Bandes von Karl Borromaeus Murr
weiter. Den Copyright-Inhabern dankt die Redaktion fuer ihre
Kooperationsbereitschaft.]


Von: 	HelmbergerP@GESCHICHTE.HU-Berlin.de
An:	<H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU>
Datum: 	03.03.01 19.04 Uhr
Betreff: 	REZ-FNZ: J. Burkhardt / S. Haberer: Das Friedensfest

Date:	 02.03.2001
From:	 "Gregor Horstkemper" <Gregor.Horstkemper@lrz.uni-muenchen.de>
Subject: Rezension Burkhardt / Haberer
_______________________________________________
Johannes Burkhardt / Stephanie Haberer: Das Friedensfest. Augsburg und die
Entwicklung einer neuzeitlichen Toleranz-, Friedens- und Festkultur,
(Colloquia Augustana, 13), Berlin: Akademie 2000, 458 S., ISBN:
3-05-003540-4, Preis: DM 98,-.

Rezensiert fuer den Server Fruehe Neuzeit und H-Soz-u-Kult von:
Karl Borromaeus Murr <u9412ag@mail.lrz-muenchen.de>
Historisches Seminar der Universitaet Eichstaett

Die historische Auseinandersetzung mit dem Westfaelischen Frieden im
Kontext seines 350jaehrigen Jubilaeums hat die Aufmerksamkeit der
Geschichtsforschung vermehrt auf die bisher weniger beachtete unmittelbare
wie laengerfristige Rezeption dieses Friedens gelenkt. [1] Dadurch
gelangen auch die mehr oder weniger zyklisch wiederkehrenden Feiern, die
im Gefolge des Friedensschlusses von 1648 eingerichtet worden sind,
verstaerkt in den Gesichtskreis der Historiographie. Die 350jaehrige
Wiederkehr des Augsburger Friedensfestes, das von 1650 bis heute gefeiert
wird, nahm das Institut fuer Europaeische Kulturgeschichte der
Universitaet Augsburg zum Anlass, "um erstmals systematisch den
Hintergrund und Charakter" dieses Festes, "seine Urspruenge, Wandlungen
und Formen unter verschiedenen historischen Forschungsperspektiven zu
untersuchen" (9). Der von Johannes Burkhardt und Stephanie Haberer
herausgegebene Sammelband fasst die Ertraege dieser "ersten
wissenschaftlichen Annaeherung an das Thema" (9) zusammen.

Die Annaeherung an das Augsburger Friedensfest vollzieht sich thematisch
in vier Schritten. Vier Kurzbeitraege unter dem Titel "Perspektiven der
Festinterpretation" eroeffnen den Sammelband mit einer praegnanten
methodologischen Ortsbestimmung des Untersuchungsgegenstandes. Diesen
jeweils nur etwa vierseitigen Beitraege, die aus den Federn von Etienne
François, Heinz Duchhardt, Gunther Wenz und Paul Muench stammen, wird die
Aufgabe zugewiesen, Interpretationsperspektiven hinsichtlich des
Augsburger Friedensfestes zu formulieren. Waehrend jedoch die
Ueberlegungen von François, Duchhardt und Muench in Auseinandersetzung mit
den Themenkomplexen "Fest" und "Erinnerung" in mehr oder weniger
ausdifferenzierte Fragenkataloge muenden, nehmen sich die Ausfuehrungen
von Wenz in diesem Zusammenhang etwas erratisch aus, da ihnen ungeachtet
des interessanten Blicks auf Hobbes' Leviathan nicht eigentlich eine
konkrete Forschungsperspektive zu entnehmen ist.

Der zweite Hauptteil des Sammelbandes kreist mit sieben Aufsaetzen um den
Zusammenhang von Friedensfest und Toleranz. Winfried Schulze und Wolfgang
Weber gehen in ihren ideengeschichtlichen Studien der Entstehung des
Toleranzgedankens im Reich in der Fruehen Neuzeit nach. In Pointierung
seiner bereits bekannten Ueberlegungen gelangt Schulze in
Auseinandersetzung mit dem deutschen Reichsrecht und der politischen
Theorie fuer das 16. Jahrhundert zu dem Schluss, dass im Gefolge des
Augsburger Religionsfriedens bereits erste Ansaetze zu einem "modernen"
Toleranzverstaendnis zu entdecken seien, so vor allem in der politisch
motivierten Anerkennung konfessionellen Dissenses im Verein mit einem sich
neu herausbildenden, auf das Individuum hin orientierten
Rechtsverstaendnis. [2] Aehnlich wie Schulze kommt Weber in seiner
konzisen Untersuchung ueber den Zusammenhang von Staatsraeson und Toleranz
zu dem Ergebnis, dass politikfunktionale Ueberlegungen praktisch auf eine
Art Toleranz im Sinne einer Entschaerfung des Konfessionskonfliktes
hinausliefen, wenngleich der Durchbruch zur Toleranz als produktive
Pluralitaet noch in weiter Ferne lag. Bernd Roeck, der fuer die
fruehneuzeitliche Geschichte Augsburgs besonders ausgewiesen ist, wendet
sich konkret den konfliktregulierenden Loesungsversuchen der
Konfessionsproblematik in dieser Reichsstadt bis zur Zeit des
Westfaelischen Friedens zu. Das alltaegliche Funktionieren der Augsburger
Paritaet nach 1648 fuehrt dann Wolfgang Wuest materialreich und quellennah
im Spiegel von Policeyordnungen, Urgichten, der Acta politica
ecclesiastica und Zensurakten vor Augen. Martin Brecht, Hans-Otto
Muehleisen und Marianne Sammer blicken sodann auf das Augsburger
Friedensfest vor allem in der Auseinandersetzung mit den sogenannten
"Friedensgemaelden", einem in der Kunstgeschichte singulaeren Corpus von
Kupferstichen, die von 1651 bis 1789 alljaehrlich im Auftrag der
protestantischen Pfarreien an ihre Schuljugend verteilt wurden.
Muehleisen, der die Friedensgemaelde als politische Lehrstuecke begreift,
betont den polemischen Charakter dieser Stiche, die im innerstaedtischen
und interkonfessionellen Diskurs Augsburgs keineswegs auf Frieden und
Toleranz ausgerichtet gewesen seien. Sammers Untersuchung bestaetigt im
Grunde Muehleisens These, indem sie ihren Fokus auf die katholischen
Predigtrepliken auf protestantische Provokationen richtet, wie sie auch in
den Friedensgemaelden zum Ausdruck kamen. Dagegen will Brecht in den
Friedensgemaelden eine grundsaetzlich friedens- und
religionspaedagogischen Ausrichtung erkennen. Dieser Schlussfolgerung, die
aus einer binnenprotestantischen Perspektive heraus formuliert scheint,
kann jedoch angesichts der Ausfuehrungen von Muehleisen und Sammer, vor
allem aber angesichts der Augsburg-Monographie von Etienne François [3],
die allesamt die protestantische wie auch die katholische Seite gerade in
ihrer Dialektik in den Blick nehmen, wenig Ueberzeugungskraft zukommen.

Der dritte Hauptteil des Sammelbandes versucht, das Augsburger
Friedensfest in kulturgeschichtlicher und vergleichender Perspektive in
die protestantische Friedens- und Festkultur der Fruehen Neuzeit
einzubetten. Claire Gantet, die eine Bestandsaufnahme saemtlicher
deutscher und europaeischer Friedensfeiern im Gefolge des Westfaelischen
Friedens erarbeitet hat [4], skizziert fuer das Reich die Ausbreitung
dieser fast ausschliesslich von Lutheranern begangenen Feste und
konturiert vor diesem Hintergrund die Besonderheit des Augsburger
Friedensfestes. Katrin Keller widmet sich nicht speziell den
Feierlichkeiten anlaesslich des Westfaelischen Friedensschlusses, sondern
vielmehr dem allgemeineren Typus der Friedensfeste, dem sie in Kursachsen
fuer das 17. und 18. Jahrhundert nachgeht. Ihre Ausfuehrungen erweisen
sich in mehrfacher Weise als instruktiv. Der Autorin gelingt einerseits
eine festtypologische Erfassung der saechsischen Friedensfeierlichkeiten
und ihrer formalen Weiterentwicklung in der Fruehen Neuzeit. Andererseits
lenkt sie ihren Blick immer wieder vergleichend auf das Augsburger
Friedensfest, wodurch dessen charakteristischen Spezifika besonders
deutlich hervortreten. Als einen weiteren Typus protestantischer
Festkultur stellt Hermann Ehmer am Beispiel suedwestdeutscher
Reichsstaedte das Reformationsjubilaeum 1717 vor, dessen Feierlichkeiten
er in ihrer Vernetzung, inhaltlichen Ausrichtung und medialen Vielfalt
anschaulich vor Augen fuehrt. Vornehmlich musikgeschichtlich naehern sich
dem Themenfeld Friedensfest Erich Tremmel und Dietz-Ruediger Moser.
Waehrend Tremmel eine knappe, vor allem gattungsgeschichtliche Herleitung
der Festmusiken mit Ausblick auf das Augsburger Kantorat an St. Anna
bietet, stellt Moser, der den untersuchten Festmusiken grundsaetzlich eine
politisch-demonstrative Funktion zuschreibt, nicht nur in den
Feierlichkeiten nach 1648, sondern auch in den Saekularfeiern von 1748 und
1848 einen protestantischen Triumphalismus gegenueber dem Katholizismus
fest. Die Kunsthistorikerin Dorothea Band stellt schliesslich konkret eine
Reihe privater Stiftungen vor, die in Augsburger Kirchen anlaesslich des
Friedensfestes erfolgt waren.

Unter der Ueberschrift "Tradition und Innovation" gibt der abschliessende
Hauptteil des Sammelbandes einen Ausblick auf das 19. und 20. Jahrhundert.
Stefan Laube schildert dabei die konfessionelle Erinnerungskultur
Augsburgs fuer die Zeit des Koenigreiches Bayern. Frank Moeller zeichnet
den schrittweisen und immer wieder konfliktreich verlaufenden Wandel im
konfessionell geteilten Augsburger Buergertum des 19. Jahrhunderts von der
Paritaet zur modernen Glaubens- und Gewissensfreiheit nach. Gerhard Hetzer
verfolgt schliesslich die Entwicklung des Augsburger Friedensfestes ueber
seine Abschaffung als Feiertag im Dritten Reich und seine
Wiedereinfuehrung 1949 bis hinein in die juengste Zeitgeschichte.

Ein Anhang schliesst den inhaltlichen Teil des Sammelbandes: Mit dem
Abdruck einer von Wolfgang Seitz stammenden Untersuchung, die 1969 die
Augsburger Kupferstiche zum Friedensfest erstmals erschlossen hat, wird
diese grundlegende, bislang aber nur sehr schwer zugaengliche Studie einer
breiteren wissenschaftlichen Oeffentlichkeit zur Verfuegung gestellt. Ein
Orts- und Personenindex dient als Erschliessungshilfe fuer die Beitraege.
Die 37, teils farbigen Abbildungen bereichern jenseits einer bloss
illustrativen Funktion vor allem die kulturgeschichtlichen Beitraege. Ein
wenig leidet der aufwendig gestaltete und beeindruckend rasch publizierte
Band unter der nicht geringen Anzahl seiner Druckfehler.

Eine vertiefte inhaltliche Wuerdigung oder Kritik einzelner Beitraege
dieses thematisch so vielfaeltigen Sammelbandes kann hier nicht geleistet
werden. Deshalb muessen Beobachtungen allgemeinerer Natur genuegen.
Unstrittig kommt dem Band das Verdienst zu, das bislang noch wenig
erforschte Augsburger Friedensfest in einem interdisziplinaeren,
multiperspektivischen und komparativen Zugriff vor allem fuer die Fruehe
Neuzeit in den Blick genommen zu haben. Der Band leistet aber noch mehr,
geht er doch zum Beispiel mit seinen ideengeschichtlichen Studien ueber
die Entstehung des Toleranzgedankens, mit seinen Beitraegen zur
Konfessionsproblematik in Augsburg oder mit den vergleichend angelegten
kulturgeschichtlichen Untersuchungen zur fruehneuzeitlichen
protestantischen Festkultur weit ueber den zunaechst anvisierten
Untersuchungsgegenstand des Augsburger Friedensfestes hinaus, so dass eine
allgemeine Friedenskultur sichtbar wird. Schliesslich: Die Untersuchung
des Friedensfestes als protestantischen Festtyps bietet nicht zuletzt
wertvolles Material zum (kuenftigen) Vergleich mit der zeitgleichen
katholischen Erinnerungskultur.

Richtet man das Augenmerk auf die Variationsbreite der im Sammelband
vertretenen Beitraege, kann indes auch der Eindruck einer starken
Heterogenitaet der 20 Einzelstudien entstehen, deren konzeptioneller
Zusammenhang dem Leser im einzelnen nicht immer einsichtig erscheint. Von
daher mag sich auch die Wahl des additiven Buchtitels erklaeren, der die
Disparitaet der Beitraege mit Hilfe eines sehr weit gefassten
Kulturbegriffes einzufangen versucht, dessen Ausfaltung in die Begriffe
'Toleranz-, 'Friedens- und 'Festkultur' zudem nur ansatzweise reflexiv
eingeholt wird. Gleichwohl ist zu konstatieren, dass der vorgelegte
Sammelband durch seinen sehr breit angelegten Zugriff auf das Augsburger
Friedensfest gerade einer Gefahr entgeht, vor der Lynn Hunt, die bekannte
amerikanische Vertreterin der 'New Cultural History', ausdruecklich
gewarnt hat: der Gefahr naemlich vor der Verengung kulturgeschichtlicher
Forschung auf einzelne Themen, wodurch der Sensus fuer deren Zusammenhang
und deren Interaktion mit anderen historischen Wirklichkeiten allzuleicht
verloren geht. [5]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Heinz Duchhardt (Hg.): Der Westfaelische Friede. Diplomatie -
politische Zaesur - kulturelles Umfeld - Rezeptionsgeschichte, Muenchen
1998.

[2] Vgl. Winfried Schulze: Pluralisierung als Bedrohung: Toleranz als
Loesung. Ueberlegungen zur Entstehung der Toleranz in der Fruehen Neuzeit,
in: Heinz Duchhardt (Hg.): Der Westfaelische Friede. Diplomatie -
politische Zaesur - kulturelles Umfeld - Rezeptionsgeschichte, Muenchen
1998, S. 115-140.

[3] Etienne François: Die unsichtbare Grenze. Protestanten und Katholiken
in Augsburg 1648-1806, Sigmaringen 1991.

[4] Claire Gantet: Discours et images de la paix dans des villes
d'Allemagne du Sud aux XVIIe et XVIIIe siecles, Diss. Paris 1999.

[5] Lynn Hunt: Introduction, in: dies. (Hg.): The New Cultural History,
Berkeley 1989, S. 9.

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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Muenchener Server Fruehe
Neuzeit (Redaktionelle Betreuung: PD Dr. Gudrun Gersmann / Gregor
Horstkemper). Sie ist auch auf dem Server des Projektes unter der Adresse:
http://www.sfn.uni-muenchen.de abrufbar.

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