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Projekt: Historische Klimaforschung und -datenbank
From: <ruediger.glaser@mail.uni-wuerzburg.de>
Sent: Tuesday, January 23, 2001 1:55 PM
Subject: Klima-Datenbank
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Historische Klimaforschung und Historische Klimadatenbank
Deutschland (HISKLID)
Prof. Dr. R. Glaser
Geographisches Institut der Universitaet Wuerzburg
Am Hubland
97074 Wuerzburg
Arbeitsbereich:
Seit Anfang der 1980er Jahre beschaeftigt sich eine Arbeitsgruppe
mit Fragen der Historischen Klimatologie in Mitteleuropa. Unter
"historisch" wird dabei der Zeitraum vor Beginn der amtlichen und
standardisierten Instrumentenmessung verstanden, soweit vom
Mensch verfasste Aufzeichnungen vorliegen. Eine regional
differenzierte, auf quantifizierende Betrachtungen abstellende
historisch-klimatologische Analyse kann ab einer bestimmten
empirischen Groesse ohne den Einsatz von EDV nicht mehr sinnvoll
gehandhabt werden. Die Fuelle der vorliegenden Quellentexte wurde
aus diesem Grunde in einer eigens zu diesem Zweck konzipierten
Datenbank zusammengefasst. Wesentlicher Bestandteil dieser
Datenbank sind deskriptive Wetteraufzeichnungen, Hinweise auf
Witterungsextreme, Wettertagebuchaufzeichnungen, aber auch
sogenannte Proxydaten, wie Hinweise auf Erntetermine, Vereisungen
von Fluessen und Meeresbereichen, Hochwassermarken oder
Baumringweiten. Ergaenzt werden diese Datentypen durch fruehe
Instrumentenmessdaten. Aussagekraeftige Datensaetze liegen derzeit
bis zum Jahr 1000 rueckreichend vor. In vielen Faellen sind auch
Hinweise auf die Klimafolgen in den Quellen enthalten.
Regionale Schwerpunkte:
Regionale Schwerpunkte dieser Datenbank sind die Kuestenregion
(Bremen, Hamburg, Luebeck, Stralsund, Rostock), die Rheinschiene
(Frankfurt, Koblenz, Koeln, Bonn), der mitteldeutsche Raum (Erfurt,
Leipzig, Halle), dann vor allem Sueddeutschland mit den
Archivstandorten Karlsruhe, Stuttgart, Nuernberg, Muenchen,
Augsburg und Wuerzburg, um nur einige Beispiele zu nennen. Der
bayerische Raum ist dabei besonders gut belegt.
Foerderungen:
Gefoerdert wurde das Vorhaben im Rahmen des
Palaeoklimaprogrammes der Bundesregierung durch das BMFT
(Bundesministerium fuer Forschung und Technologie, dem heutigen
BMBF), durch die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) den
Universitaetsbund der Universitaet Wuerzburg sowie das
BayFORKLIM (Bayerische Forschungsklimaprogramm der
Bayerischen Staatsregierung).
Die Datenbank:
Die Datenbank, in der die Originalzitate bzw. Daten mit einer
umfangreichen numerischen Kodierung versehen sind, basiert auf
dem Textverarbeitungssystem Word, was eine einfache, PC-basierte
und weit verbreitete Bearbeitung ermoeglicht. Fuer die weitere
inhaltliche Analyse wird auf die Moeglichkeiten von SAS (Statistical
Analysis System, SAS Institute Corp.) des Rechenzentrums der
Universitaet Wuerzburg zurueckgegriffen. Teile der in dieser
Datenbank abgelegten Quellentexte haben GLASER & MILITZER
(1991) in den "Materialien zur Erforschung frueher Umwelten (MEFU
2)" als Arbeitsmaterialien herausgegeben. Seit der
Wiedervereinigung sind weitere Arbeitsgruppen aus Halle und
Leipzig am weiteren Ausbau der Datenbank beteiligt. Es ist geplant,
die Klimadatenbank mediendidaktisch auf CD umzusetzten und auf
diesem Wege sowohl fuer Fachwissenschaftler als auch fuer
interessierte Laien anschaulich und handhabbar zu machen.
Auszug HISKLID:
1598 03 17170-50 +2
1598 04 01 22 17170-50 -1 +1 05
1598 04 23 17170-50 +1
1598 04 26 17170-50 09 16
Der mertz so warm worden, das es der zeit umb Johannis gleich
gewesen. Der april sehr nass kalt und unstett mit stetten kalten
winden, entlich umb den 23.
schoen warm wetter angefallen. Drauf den 26. Aprilis abents von
auffgang ein hefftig wetter kommen, das der himmel aller grassgruen
von auffgang gesehen und
stein geben mit grossem brascheln, die wie die huener ayer und 3 1/2
loth gewegen. Vil aber sein gefallen die 8 loth gewegen so gross wie
die gens ayer, sie
haben die ziegel alle zerschmettert, die sie angetroffen.
Ergebnisse:
Die Erkenntnisse zur Klimaentwicklung der letzten 1000 Jahre machen
deutlich, welche Veraenderungen in Mitteleuropa auch ohne Eingriff
des Menschen in das Klimasystem aufgetreten sind. Vor dem
Hintergrund der Diskussion um anthropogen veraendertes Klima -
ohne Zweifel eine der Leitfragen unserer Zeit - erhalten diese Befunde
besonderes Gewicht.
Die Veraenderlichkeit ist das Wesensmerkmal des
mitteleuropaeischen Klimas. Es gibt keinen als ‚normal‘ zu
bezeichnenden Zeitabschnitt, der nicht auch ein zu viel oder zu wenig
beinhaltet oder in dem nicht auch die unterschiedlichsten Extreme
aufgetreten waeren. In den letzten 1000 Jahren konnten
Veraenderungen der Jahresmitteltemperatur von bis zu 1,5 Grad C und
der Jahresniederschlagssumme von bis zu 150 mm nachgewiesen
werden. Neben laengerfristigen Phasen, die 30-150 Jahren
andauerten, sind auch schnelle Aenderungen aufgetreten. Einzelne
Jahre wichen zum Teil erheblich vom mittelfristigen Verlauf ab.
In dieser mittelfristigen Entwicklung gab es Abschnitte, die man
aufgrund der positiven Temperaturentwicklung als Mittelalterliches
Waermeoptimum bezeichnet. Nach einer Uebergangsphase mit
insgesamt schnelleren und vor allem kuerzeren Umschlaegen, die dem
Klimagang der letzten 150 Jahre nicht unaehnlich ist, folgte die Kleine
Eiszeit, die durch zunaechst kuehlere Sommer und nach und nach
kaelter werdende Winterabschnitte charakterisiert ist. Die
nachhaltigsten Veraenderungen traten aber in den
Uebergangsjahreszeiten auf. So sanken die Temperaturen sowohl im
Herbst als auch im Fruehling deutlich.
Die markantesten Abkuehlungsphasen wiederum gab es im Maunder-
Minimum, Abkuehlungsphasen, die das Bild der Kleinen Eiszeit
entscheidend mit praegten. In allen herangezogenen Parametern,
beispielsweise der Eisbedeckung der Ostsee, kommt dies zum
Ausdruck.
Nach der Kleinen Eiszeit folgte um 1800 eine kurze und rasche
Erwaermung. Auffaellig ist, dass zwischen 1700 und 1800 eine grosse
Temperaturspanne durchschritten wurde. In diesem Zeitabschnitt trat
sowohl das Maximum als auch das Minimum der letzten 1000 Jahre
auf. In der Entwicklung der letzten 150 Jahre, die als ‚modernes
Klimaoptimum‘ bezeichnet werden kann, muss vor allem die
winterliche Erwaermung hervorgehoben werden, die in der
Zusammenschau der letzten 1000 Jahre in dieser Form einmalig ist
und wohl auf die anthropogene Erhoehung des Treibhauseffektes
zurueckzufuehren ist. Das Moderne Klimaoptimum liegt in seiner
Temperaturbilanz noch ueber dem Niveau des 'Mittelalterlichen
Waermeoptimums‘.
In einzelnen Jahren gab es immer wieder Extreme, ja ganze Folgen von
aussergewoehnlichen Jahren, die man ohne Kenntnis der
Klimaentwicklung der letzten 1000 Jahren vorschnell als neuartig
einstufen wuerde. Einige der historischen Extreme uebertreffen ihre
modernen Vergleichsfaelle erheblich, beispielsweise die Trockenheit
des Jahres 1540, die Kaelte des Jahres 1740 oder die
Hochwasserkatastrophe von 1342.
Charakteristische Jahrfolgen, wie zwischen 1530 und 1540, mit einer
voellig gegensaetzlichen Ausgestaltung der Sommerwitterung, die zu
einer ausgepraegten Saegezahnsignatur in den meisten Dendroreihen
Mitteleuropas gefuehrt haben, koennen als historische
Einmaligkeiten angesehen werden. Ein derartiges Muster hat es in der
Zeit der instrumententechnischen Beobachtung seit Mitte des 19.
Jahrhunderts nicht mehr gegeben.
Wie sieht es mit den Klimakatastrophen aus? Analysiert man die
Datenbestaende zu den Klimakatastrophen, dann muss davon
ausgegangen werden, dass diese ein staendiger Begleiter des
Menschen waren. Die Zeitreihen zu Gewittern, Stuermen und
Hochwaessern lassen deutlich Zu- und Abnahmen erkennen.
Beispielsweise nahmen in der Kleinen Eiszeit die Hochwaesser in
allen Flussgebieten Mitteleuropas markant zu. Dabei ergeben sich
fuer die untersuchten Flussgebiete Main, Weser, Mittelelbe,
Mittelrhein und Oder aehnliche Strukturen, eine eigene Praegung
weist hingegen die Donau auf.
Neben diesen mittelfristigen Entwicklungen, die im Uebrigen keine
zyklischen Abfolgen erkennen lassen, konnte in den
Einzeljahrbeschreibungen auch auf die Mensch-Umwelt-Beziehung
hingewiesen werden. Immer wieder traten die folgenschweren
Kausalketten kalter und verregneter Sommer, schlechter Ernten,
Hungersnoete, Krankheit und schliesslich dem Tod auf.
Mit den vorgelegten Ergebnissen konnte eine Kenntnisluecke
geschlossen werden, die nicht nur aus klimatischer Sicht, sondern
auch fuer das gesamte Umweltverstaendnis und viele andere
Fachbereiche wie die Geschichtswisssenschaften von grossem
Interesse ist.
Quelle: GLASER, R. (2001): Klimageschichte Mitteleuropas - 1000
Jahre Wetter, Klima, Katastrophen.- Wiss. Buchgesellschaft,
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GLASER, R. (2001): Klimageschichte Mitteleuropas - 1000 Jahre Wetter, Klima,
Katastrophen.- Wiss. Buchgesellschaft, (Darmstadt).
Kontakt: Prof. Dr. Ruediger Glaser,
email: ruediger.glaser@mail.uni-wuerzburg.de
Geographisches Institut der Universitaet Wuerzburg
Am Hubland
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