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Geschichte Bayerns
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Rezension: "M.d.B. Volksvertretung im Wiederaufbau"
Absendedatum: Tue, 16 Jan 2001 14:28:06 -0800
Von: Karl-Ulrich Gelberg <Gelberg@bg.fak09.uni-muenchen.de>
Organisation: Historische Kommission
Betreff: Zusendung einer Besprechung fuer das E-Mail-Forum
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Sehr geehrte Damen und Herren,
in der Anlage sende ich Ihnen meine Besprechung des Bandes "M.d.B.
Volksvertretung im Wiederaufbau 1946-1961. Bundestagskandidaten und
Mitglieder der westzonalen Vorparlamente", die im Maximilianeum Nr.
9/2000 (November 2000), der Beilage der Bayerischen Staatszeitung,
abgedruckt worden ist. Darin wird diese Vorarbeit zu einem
wissenschaftlichen Anspruechen genuegenden Bundestagshandbuchs aus
bayerischem Blickwinkel betrachtet. Die Bayerische Staatszeitung ist
mit einer Verwertung im Rahmen des E-Mail-Forums einverstanden.
Dr. Karl-Ulrich Gelberg/16.1.2001
Tel.: 089/28638-2518.
M.d.B. VOLKSVERTRETUNG IM WIEDERAUFBAU 1946-1961. Bundestagskandidaten
und Mitglieder der westzonalen Vorparlamente. Eine biographische
Dokumentation. Hg. von Martin Schumacher. 103* und 573 Seiten. Droste
Verlag, Duesseldorf 2000.
Mit Namen wie Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Schumacher, Erich
Ollenhauer oder Thomas Dehler verbindet sich in der kollektiven
Erinnerung der politische Neuanfang in der Bundesrepublik Deutschland.
Wer waren aber all die anderen Frauen und Maennern, die im
Gruendungsjahrzehnt der Bundesrepublik Deutschland die gesetzlichen
und vertraglichen Grundlagen der Nachkriegsdemokratie im Bonner
Bundestag beraten und beschlossen haben? Wer danach fragte, war bisher
auf die schlichten Parlamentshandbuecher der ersten Nachkriegsjahre
angewiesen. Ein umfassendes Biographisches Handbuch des Deutschen
Bundestages, das die "Vertreter des ganzen Volkes" (Art. 38
Grundgesetz) erschliesst, fehlt 50 Jahre nach dem demokratischen
Wiederbeginn in Bonn.
Die renommierte Bonner Parlamentarismus-Kommission hat nun einen
zunaechst bis zum Ende der dritten Wahlperiode 1961 reichenden Band
vorgelegt, der sich als Vorarbeit zu einer "umfassenden
Personengeschichte der Wahl und Zusammensetzung des Deutschen
Bundestages" versteht. Zusaetzlich werden die Abgeordneten der
westzonalen Vorparlamente, unter anderem des bizonalen Wirtschaftsrats
und des Bonner Parlamentarischen Rats sowie europaeischer
parlamentarischer Versammlungen (Beratende Versammlung des Europarats
etc.) dokumentiert.
Parlamentshandbuecher schreiben stets die Geschichte der
Erfolgreichen. Einen neuen Weg beschreitet der vorliegende Band
dadurch, dass er neben den gewaehlten Abgeordneten (1027) auch die
viel zahlreicheren erfolglosen Bundestagskandidaten verzeichnet: 6618
Kandidaten und Abgeordnete insgesamt. Damit wird eine voellig neue und
breitere Forschungsgrundlage geschaffen.
Dazu ein prominentes Beispiel: Bei der Bundestagswahl 1949 hatte der
spaetere Ministerpraesident Hanns Seidel als Spitzenkandidat auf der
Landesliste der CSU kandidiert, war jedoch nicht zum Zuge gekommen, da
nur Wahlkreiskandidaten der CSU in den Bundestag einzogen. Trotzdem
enthaelt der Band einen biographischen Eintrag zu Seidel, der auch in
umfassender Weise Angaben zu seinem Nachlass, seinen gedruckten
Schriften sowie biographischen Werken enthaelt. Durch diese Angaben,
die - soweit vorhanden - umfassend nachgewiesen werden, gewinnt die
biographische Dokumentation auch eine im Titel gar nicht ausgewiesene
bedeutende bibliographische Funktion. Ein weiteres Beispiel: Der
Forstamtmann Wilhelm Zimmerer (geb. 11.6.1884 in Rosslau/Kreis Zerbst,
gest. 29.1.1951 in Ansbach, protestantisch) kandidierte bei der
Bundestagswahl 1949 erfolglos im Wahlkreis 225 (Ansbach) fuer die SPD
und kam auch nicht auf Platz 46 der Landesliste zum Zuge. Da er als
erfolgloser Bundestagskandidat erfasst ist, werden auch seine weiteren
parlamentarischen Mitgliedschaften aufgefuehrt: Zimmerer hatte von
1928 bis 1932 dem Bayerischen Landtag angehoert und zog 1950/1951 noch
einmal fuer die SPD in das bayerische Landesparlament ein. Am Ende des
Biogramms findet man den Verweis auf einen weiteren Eintrag zu seiner
Person in dem 1995 von der Parlamentarismus-Kommission herausgegebenen
Handbuch "M.d.L. Das Ende der Parlamente 1933 und die Abgeordneten der
Landtage und Buergerschaften der Weimarer Republik in der Zeit des
Nationalsozialismus" (1995) das genauso wie das Handbuch "M.d.R. Die
Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des
Nationalsozialismus" (3. Aufl. 1994) die politische Verfolgung der
Weimarer Parlamentarier dokumentiert. Mit diesen beiden
Dokumentationen ist der Band grundsaetzlich verzahnt. Wie bereits
diese beiden Beispiele belegen, bietet das Werk auch fuer den an der
Personengeschichte des Bayerischen Landtags Interessierten zahlreiche
Hinweise. Eine Benutzung unter bayerischen Bezuegen wird durch die
Indices erleichtert, die z.B. diejenigen Bundestagskandidaten separat
auflisten, die bis 1933 (23) und ab 1946 (162) auch dem Bayerischen
Landtag angehoerten. Diese hohe Zahl belegt, dass eine enge Verbindung
zwischen parlamentarischen Karrieren in den Landesparlamenten und dem
Deutschen Bundestag in der Nachkriegszeit bestand. Gerade die
parlamentarische Gruendergeneration des Bundestages profitierte dabei
von den Erfahrungen, die zum Beispiel die bayerischen Abgeordneten aus
dem bereits im Dezember 1946 konstituierten Landtag mitbrachten.
Haeufig fuehrte dabei der Weg vom Landesparlament in den Bundestag. Er
war jedoch keine Einbahnstrasse, wie der Eintrag zu Franz Josef
Strauss belegt, der 1949-1978 dem Bundestag und anschliessend
1978-1988 dem Bayerischen Landtag angehoerte. Die biographische
Dokumentation ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem
umfassenden historisch-biographischen Handbuch der Mitglieder des
Deutschen Bundestages, das auch gruppenbiographische Kapitel enthalten
wird. Bis dahin stellt es ein zentrales Hilfsmittel fuer die
biographische Parlamentarismusforschung in der Bundesrepublik dar. Ein
Blick in das Verzeichnis der fuer diese Dokumentation herangezogenen
Parlamentshandbuecher belegt im uebrigen, dass fast alle anderen
Landesparlamente der alten Laender das vierzig- oder fuenfzigjaehrige
Jubilaeum ihres Hauses in den vergangenen Jahren dazu genutzt haben,
ein biographisches Handbuch ihrer Landesparlamentarier vorzulegen.
Hier ist Bayern einmal nicht vorn. Die Dokumentation der
Bundestagskandidaten, die auch in der Form der Praesentation
Massstaebe setzt, sollte den Anstoss geben, hier bislang Versaeumtes
nachzuholen.
Karl-Ulrich Gelberg
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