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Geschichte Bayerns


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Rezension: Bodenstedt ueber Baten, Ernaehrung und wirtschaftliche Entwicklung in Bayern (1730-1880) (x-post H-SOZ-U-KULT)



Liebe Listenmitglieder,

die folgende Rezension wurde uns freundlicherweise von der H-NET Liste
fuer Sozial- und Kulturgeschichte <H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU> zur
Verfuegung gestellt.

Date:	 30.10.2000; 18:39
From:	 "Andreas Bodenstedt" <Andreas.Bodenstedt@agrar.uni-giessen.de>
Subject: Rezension Baten 

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Joerg Baten: Ernaehrung und wirtschaftliche Entwicklung in Bayern (1730 -
1880), (Beitraege zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 82), Stuttgart:
Steiner 1999, 217 S., 42 Abb., 40 Tab., 12 Ktn, ISBN: 3-515-07218-7,
Preis: DM 80.-.

Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:
Prof. Dr. Andreas Bodenstedt  <Andreas.Bodenstedt@agrar.uni-giessen.de>
Institut fuer Agrarsoziologie und Beratungswesen der
Justus-Liebig-Universitaet Giessen

Die Ernaehrung des Menschen ist zweifellos ein Lebensbereich - und  zwar
ein problematischer, der mit seiner Entwicklungsgeschichte  aufs engste
verbunden ist und diese aufs selbstverstaendlichste bestimmt hat. Um so
erstaunlicher ist es, dass sich eine eigene "Ernaehrungswissenschaft" erst
gegen Ende des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat. Und auch diese hat
derzeit noch  Muehe, ihr disziplinaeres Selbstbild im Wettbewerb von
naturwissenschaftlicher und geistes- (kultur-, sozial-)wissenschaftlicher
Betrachtungsweise einzurichten .

Daher gibt es zum Thema Ernaehrung eine nahezu unuebersehbare Bandbreite
von Beitraegen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen, auch
kulturwissenschaftlichen  - darunter auch von den
Geschichtswissenschaften. Aber wir verfuegen ueber kein Standardwerk, das
umfassend imstande ist, die spannende Frage zu beantworten: ""Ist der
Mensch, was er isst?" Oder unter einem anderen Blickwinkel: "Warum isst
der Mensch, was er isst?"  Oder noch ein anderer Gesichtspunkt: "Welche
Folgen hat das, was er isst?"

Joerg Baten urteilt nach eigenem Bekunden "etwas ueberspitzt", wenn er
feststellt, dass die Wirtschaftsgeschichte oft einfach mit
Industriegeschichte gleichgesetzt  und die Ernaehrung daher entweder der
Sparte der Diaetratgeber oder der entwicklungsoekonomischen Literatur
zugeordnet werde. Jedenfalls nimmt er in seinem Buch "Ernaehrung und
Entwicklung in Bayern (1730 - 1880)" weder von der Ernaehrungsgeschichte
(Teuteberg, Wiegelmann, Spiekermann) noch von der Ernaehrungsepidemiologie
(Oltersdorf) und der Ernaehrungsoekologie (Leitzmann) nennenswerte Notiz.
Trotzdem hat er ein Buch geschrieben, das dem Rezensenten Respekt
abnoetigt und das einen Preis (des Volkswirte-Alumni-Clubs Muenchen)
erhalten hat.

Dies, wie ich meine, zu Recht, denn sein Buch hat drei wesentliche Ziele
erreicht: 1. Methodische Fortschritte, 2. einen
integrierend-verallgemeindernden Ansatz (statt eines spezialisierenden)
und 3. eine angemessene Beruecksichtigung der Komplexitaet der Ernaehrung,
d.h. ihrer Voraussetzungen und Folgen.

Im Kreislauf von "Voraussetzungen - Handeln - Folgen (die wiederum zu
Voraussetzungen erneuten Handelns werden), befasst Baten sich vornehmlich
mit den beiden letzten Faktorbereichen, allerdings in umgekehrter
Reihenfolge: auf welches Handeln (Ernaehrungsverhalten) laesst gemessene
Koerpergroesse schliessen ? Im Kap. 1 (Erkenntnisziele und Aufbau der
Arbeit) weist er auf die zentrale Bedeutung des "Kriteriums der
'Messbarkeit' eines Zusammenhanges" hin. Er verschleiert  nicht die
schwierige Frage, wie dieses Kriterium bei weitlaeufig vermittelten
statistischen Variablen zu behandeln sei. Gerade die vermittelnden
"Lebens- oder Umweltbedingungen", seien es klimatische, wirtschaftliche
oder politische, muessen bei einer solchen Untersuchung oft geschaetzt
oder aus weiter entfernten Quellen erhoben werden, das kann Anlass zu
Zweifeln geben.  Mit grosser Akribie ueberprueft er die Daten-Verteilungen
daraufhin, ob sie Verzerrungen enthalten und korrigiert diese, so dass
sie, so gut es geht, als Ausdruck der wahren allgemeinen Verteilung
angenommen werden koennen.

2. Mit dem integrierend-verallgemeinernden Ansatz meine ich, dass er den
Mut hat, aus seinen Datenquellen praktisch so etwas wie eine Kongruenz von
anthropometrischer, Ernaehrungs-, Wirtschafts- und Agrargeschichte zu
entwickeln.

3. Baten operiert mit einer ganzen Menge unterschiedlicher Variablen und
er geht mit ihnen, wie mir scheint, souveraen um. Zur allgemeinen
Charakterisierung der sozialen und wirtschaftlichen Lage im Koenigreich
Bayern und seinen pfaelzischen Territorien im 18./19. Jahrhundert richtet
er zunaechst sein Augenmerk auf sechs umweltrelevante Variablen:
Produktionsstruktur, Aussenhandel, Bevoelkerungsdichte und  -wachstum,
Saeuglingssterblichkeit und Realloehne (Kap. 3 Wirtschaftliche und
demographische Situation Bayerns im 18. und 19. Jahrhundert): "so entsteht
das Bild eines Agrarlandes, das einen immerhin mittelmaessigen Wohlstand
und eine eher geringe Dynamik in der Bevoelkerungsentwicklung auswies."
(50) In spaeteren Abschnitten wird die Produktionsstruktur in verfeinerter
Weise wieder aufgenommen, naemlich aufgegliedert nach Getreide-,
Kartoffel- und Fleisch-/Milch-Produktion. Das Merkmal des Reallohnes wird
auch, so weit es geht hinsichtlich seiner Varianz und Verteilung und
bezueglich der relativen Preise von Industrieguetern untersucht. In den
regional und schicht-spezifischen Analysen treten Arbeitsbelastung und
Krankheitsumfeld hinzu.

Soweit bewegt er sich in den analytischen Bereichen, die von den
sozialwissenschaftlich orientierten Ernaehrungswissenschaften heute
hauptsaechlich mit Hilfe empirischer Erhebungen bearbeitet werden.
Waehrend die Ernaehrungsthematik, zumal der Zusammenhang zwischen
genetischen Vorgaben, Umwelteinfluessen und dem Ernaehrungsverhalten heute
meistens (vor allem im bunten Blaetterwald der Illustrierten) mit Bezug
auf die Gegenwart abgehandelt wird, befasst Baten sich mit Befunden, die
er aus 120 bis 270 Jahre alten Datenreihen ableitet, naemlich aus
Koerpergroessenmessungen und Einkommenserhebungen aus den Jahren 1730 bis
1880. Seiner Arbeit liegen sowohl die veroeffentlichten
Rekrutierungsstatistiken bayerischer Wehrpflichtiger aus den Jahren 1809
-1890 (ca. 8 Mill. Faelle) wie eigene Stichproben zugrunde, die er den
Musterungsunterlagen der bayerischen und pfaelzischen Armeen entnommen
hat. Sie gliedern sich in eine "fruehe" Stichprobe (1760-87, ca. 11.000
Faelle) und eine "spaete" Stichprobe (1770-94, ca. 4.600 Faelle).

Batens theoretischer Schluesselansatz besteht darin, dass er die in den
Ernaehrungswissenschaften uebliche "Ernaehrungs-Bilanzierung" abwandelt in
die definitorische Unterscheidung von "Bruttoernaehrung" (Gesamtmenge der
durchschnittlich aufgenommenen Naehrstoffe) und "Nettoernaehrung"
(abzueglich der Verluste durch Arbeitsbelastung und Krankheiten =
Leistungsumsatz; 13 f.).  Er unterstellt offenbar gleich hohe
Grundumsaetze bei den Probanden, so dass sich die Differenz als
wachstumsrelevante Groesse und  die menschliche Koerpergroesse sich als
aussagekraeftiger Indikator des durch die "Nettoernaehrung" bewirkten
Ernaehrungsstatus erweisen.

Das Einkommen (Reallohn) nimmt er als einen ebenso beweiskraeftigen
Anzeiger von Ernaehrungsweise und Ernaehrungsniveau. Das heisst, er zieht
aus den in archivierten Statistiken enthaltenen Daten ueber die
Koerpergroessen von Rekruten und Gefaengnisinsassen und aus der
Untersuchung der Frage  "wann und in welcher Situation eine Korrelation
von Koerpergroesse und Realloehnen feststellbar" sei (17), Rueckschluesse
auf "den biologischen Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und
menschlicher Koerpergroesse" (13) und damit auf Umweltgegebenheiten, die
das Ernaehrungsverhalten und damit den Ernaehrungsstatus der Bevoelkerung
bestimmt haben.

Die Bemuehungen um eine anthropometrische Geschichte begannen im
19.Jahrhundert. Sie kreisten um die Frage, wie die Zunahme oder der
Rueckgang durchschnittlicher Koerpergroessen zu erklaeren sei. Da diese
Untersuchungen  verhaeltnismaessig kleine, aber zahlreiche Regionen
betrafen, ergibt sich fuer die heutige Forschung der grosse Vorteil, "dass
eine wichtige Literatur zu Koerpergroessenunterschieden in Mitteleuropa
existiert, die in der neueren Literatur der anthropometrischen
Wirtschaftsgeschichte bisher wenig rezipiert wurde" (37; Kap. 2:
Anthropometrische Literatur und anthropometrische Wirtschaftsgeschichte).
Die daraus ermittelten Kurvenverlaeufe der Koerpergroessen-Erhebungen
werden dann (mit Hilfe der Roggenlohnmethode) mit der Entwicklung der
Realloehne, der Getreide- und der Kartoffelproduktion  verglichen und
weiterhin mit dem Verlauf der Klimakurve verglichen (schlechtes Klima
bedingt den Rueckgang der vegetabilen und der tierischen Produktion von
Fleisch und Milch). "Der festgestellte Zusammenhang von Winterskaelte,
Realloehnen und Koerpergroesse wurde mit der Situation in
Oesterreich-Ungarn und England verglichen und konnte fuer beide Laender
bestaetigt werden." (87; Kap. 4).

In gleicher Weise werden die Untersuchungen ueber das 19. Jahrhundert
gefuehrt und die Ergebnisse mit denen aus "dem anthropometrisch bisher am
besten erforschten Land, Grossbritannien" (101) verglichen. Dort wie
erfahrungsgemaess in allen Industrieregionen besteht aber ein deutlicher
Unterschied zu dem in Bayern beobachtbaren Zusammenhang zwischen dem Auf
und Ab der Realloehne und der Zu- und Abnahme der Koerpergroessen. Baten
weist daher auf eine Reihe anders gelagerter Faktoren hin, um den
abweichenden Verlauf in England zu erklaeren (Kap.5). Es faellt auf, dass
er eben nicht nur seinen Hypothesen guenstige Korrelationen, sondern auch
gegenlaeufige Ergebnisse auf die Plausibilitaet anderer Annahmen hin zu
pruefen bereit ist. Dass die durchschnittlichen Koerpergroessen abnehmen,
wenn die Realloehne steigen (33; USA, England), wird u.a. als Folge einer
zunehmend ungleichen Verteilung der Einkommen erklaert - immerhin auch
eine Erscheinung von derzeit hoechster Aktualitaet, naemlich in den
Gesellschaften des Suedens.

Baten gibt sich allerdings nicht zufrieden mit den sozusagen global aus
den bayerischen Datensaetzen abgeleiteten Zusammenhaengen, sondern
beobachtet und untersucht zusaetzlich eine Differenzierung, die sich aus
den innerbayerischen regionalen Strukturen ergibt (Kap. 7). Er folgert,
"dass regionale Unterschiede der Wirtschaftsstruktur einen wesentlichen
Einfluss auf den biologischen Lebensstandard gehabt haben" (138). Vor
allem tritt der Einfluss der Verfuegbarkeit von hochwertigem tierischen
Protein aus Milch (und weniger: aus Fleisch) in den Rinderhaltungsgebieten
hervor. Unverarbeitete Milch konnte nicht ueber weite Strecken
transportiert und daher auch nicht so profitabel vermarktet werden. Sie
verblieb daher in hoeherem Masse auch in abgelegeneren und weniger
entwickelten "Milchregionen" zur Verfuegung der einheimischen Bevoelkerung
und sicherte dieser einen vergleichsweise besseren Ernaehrungsstatus.

Schliesslich (Kap. 7 und 8) werden die statistisch ermittelten Werte
kleiner Teilregionen auf ein flaechendeckendes Bild von insgesamt 7
Grossregionen Bayerns uebertragen und daraus der Einfluss des
interregionalen Nahrungsmittelhandels erschlossen. Schichtspezifisch kommt
Baten zu dem Schluss, dass sich "die Hypothese einer zunehmenden
(finanziellen, d.V.) Ungleichheit in der Fruehphase der industriellen
Revolution auch fuer die Verteilung der Nahrungsressourcen belegen laesst"
(164). Viele der beobachteten, aber zuzugebenderweise auch aus
Schaetzungen abgeleiteten Umstaende beduerfen nach Meinung Batens weiterer
intensiver Forschung. "Nicht weniger wichtig ist es jedoch, dass
anthropometrische Geschichte uns dabei hilft, das grosse Wunder besser zu
verstehen, dass aeusserst arme Volkswirtschaften des 18. Jahrhunderts sich
zu einem derart hohen Wohlstand entwickelten" (172).

Wie gesagt, was diese mit den strengen Massstaeben mathematischer
Oekonometrie arbeitende Darstellung auch fuer Leser sympathisch macht, ist
der Versuch, die Komplexitaet menschlichen Handelns nicht allein den
quantifizierenden Faktoren zu unterwerfen. Der Zufall will es, dass der
Rezensent zeitgleich mit dieser Lektuere eine Arbeit vorliegen hat, die
ebenfalls mit Hilfe oekonometrischer Gleichungsmathematik nachzuweisen
sucht, dass das Ernaehrungsverhalten, also das, was Baten Nettoernaehrung
nennt, in signifikanten Masse mitbestimmt wird durch Wertorientierungen.
Die spielen bei Baten keine Rolle, denn sie sind seinen Datenquellen nicht
zu entnehmen. Ein Grund mehr, ihm zuzustimmen, wenn er abschliessend
aufzaehlt, was an Forschungswegen noch zu gehen ist, um das "Geheimnis" um
die menschliche Ernaehrung zu entraetseln.

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