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Dissertationsprojekt: "HAB Neuburg an der Donau"
From: "Markus Nadler" <markus.nadler@ku-eichstaett.de>
Date sent: Sat, 14 Oct 2000 00:26:41 +0200
Subject: Dissertationsprojekt: "HAB Neuburg an der Donau"
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Markus Nadler M.A.
Historischer Atlas von Bayern - Neuburg an der Donau. Studien zur
Herrschaftsgeschichte und zu den Wechselwirkungen von Zentralort,
Residenz und Umland
Die Kommission fuer bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften verfolgt mit der Herausgabe des Historischen
Atlas von Bayern eines der groessten landesgeschichtlichen
Forschungsprojekte in Deutschland mit dem Ziel einer
historisch-topographischen Beschreibung des gesamten heutigen Bayern in
Einzelbaenden. Jeder Teilband der Reihe soll umfassende
Grundlagenforschung zu Fragen der Herrschafts-, Verfassungs- und Sozialgeschichte fuer ein
ehemaliges Landgericht bzw. fuer einen
Landkreis leisten und als Ergebnis eine Darstellung der Entwicklung von
Herrschaftsstrukturen bieten. Die zu erstellende Ortsstatistik und die
Dokumentation in Kartenform dienen dabei nicht nur zur
Veranschaulichung, sondern bilden den Kern des Forschungsansatzes. Die
zentrale Frage der Ausuebung von Herrschaft wird vom fruehen
Mittelalter bis hin zur modernen Verwaltungsorganisation verfolgt.
Konstante und dynamische Aspekte des Bearbeitungsgebietes sollen dadurch
sichtbar gemacht werden. Die Vorgabe des Historischen Atlas fuer den
Regierungsbezirk Schwaben - massgebend ist der Zustand vor der Reform
1972 - sich an den Landkreisgrenzen zu orientieren, ist fuer Neuburg an
der Donau obsolet, da die Baende fuer die umliegenden Landgerichte
bzw. Landkreise bereits erschienen oder in Bearbeitung sind und sich
somit das Landgericht Neuburg mit den beiden Pfleggerichten Burgheim und
Reichertshofen als Bearbeitungsgebiet logisch ergibt. Es handelt sich um
das Kerngebiet des ehemaligen Fuerstentums Pfalz-Neuburg um seine
Residenz Neuburg an der Donau (das nord-westlich angrenzende pfalz-neuburgische Gericht Graisbach-
Monheim umfasst der Atlasband
Donauwoerth). Im Norden wird das Bearbeitungsgebiet durch das ehemalige
Hochstift Eichstaett (heutige Landkreisgrenze) begrenzt, im Osten,
Sueden und Westen war das Gebiet von bayerischem Territorium umschlossen. Der damit
umrissene Band des Historischen Atlas zu Neuburg wird als Dissertation bei
Professor Dr. Ferdinand Kramer an der Katholischen Universitaet
Eichstaett entstehen.
Obwohl Neuburg in der Geschichtsschreibung durch sein Fuerstentum grosse
Aufmerksamkeit gefunden hat, gibt es keine ausfuehrliche
Gesamtdarstellung der Geschichte der Stadt und seiner Umgebung. Vorhandene kurze
Ueberblicksdarstellungen koennen diese Forschungsluecke nicht schliessen. Trotz
oder gerade wegen der Vielzahl von Detailuntersuchungen - allein das
seit 1835 erscheinende Neuburger Kollektaneenblatt bietet eine Fuelle
von Arbeiten - wird eine Zusammenfassung in einer Monographie schmerzlich vermisst.
Die zahlreichen offenen Fragen des noch immer umstrittenen Bistums Neuburg,
der Gruendung der Stadt bzw. der Erbauung des Schlosses lassen
ueberdies weitere Forschung dringend notwendig erscheinen. Aufgrund
der Entstehungsgeschichte der "Jungen Pfalz", der juristischen Schaffung
am Verhandlungstisch durch den koeniglichen Schiedsspruch Maximilians
I., ist Fuerstentum Neuburg ein Sonderfall nicht nur der bayerischen Geschichte. Durch die Lage seiner
verstreuten Gebiete an der Nordgrenze des
bayerischen Herzogtums, in Schwaben und in Franken und vor allem durch
die enge verwandtschaftliche Verbindung zur pfaelzischen Linie der
Wittelsbacher, stand Pfalz-Neuburg von Beginn an im Spannungsfeld
zwischen Kurpfalz und Bayern. Die Chancen aber auch die Risiken dieser Konstellation fuehrt
dieGeschichte der "Jungen Pfalz" eindrucksvoll vor: Zweimal erbte das
Haus Neuburg die Kurpfalz mit der Kurwuerde, aber dreimal wurde das kleine
Fuerstentum in Kriegen (1546, 1633 und 1703) von bayerischen bzw.
bayerisch-kaiserlichen Truppen eingenommen. Die mehrfachen
Konfessionswechsel im Fuerstentum drueckten auch der Stadt Neuburg ihren Stempel auf, was die
Kirchen und Klostergebaeude bis heute
dokumentieren. Die Erbschaften der Neuburger Pfalzgrafen am Rhein 1609/14
und 1685 fuehrten schliesslich zur Verlegung der Hauptresidenz weg von
der Donau. Eine 1607 geplante grosszuegige Stadterweiterung und der weitere
Ausbau Neuburgs als Festung gegen Bayern wurde daher aufgegeben.
Die Praegung Neuburgs und seines Umlandes durch die Hauptstadtfunktion
ist vielfaeltig. Die Auswirkungen einer Residenz und der Anwesenheit eines
Hofes kann am Beispiel Neuburgs exemplarisch untersucht werden und ist
sicher ein ergiebiges Forschungsfeld. Ebenso die Veraenderungen in der
Besitzstruktur und in der Verwaltung sowie im Gerichtswesen - etwa die Errichtung
von Hofmarken und Edelsitzen fuer hohe Raete der Pfalzgrafen.
Rueckschluesse auf die Stellung des Herzogs, bzw. davor des Koenigs
im Raum Neuburg koennte die Untersuchung des Grundbesitzes
ermoeglichen. Vielleicht ergeben sich daraus auch Antworten auf die
Frage, warum Neuburg zur Residenz werden konnte, denn nicht erst seit
1505 mit der Gruendung des Fuerstentums Neuburg, sondern schon vorher
unter den Ingolstaedter Herzoegen hatte Neuburg als Nebenresidenz
gedient. Dass das Schloss des 15. Jahrhunderts an gleicher Stelle
gebaut wurde, wie schon die vorhergehende Herzogs- und Koenigspfalz,
ist entgegen der frueheren Forschung gerade in juengster Zeit aufgrund
von Grabungen vermutet worden. In engem Zusammenhang mit dieser ins Mittelalter weisenden Frage
stehen weitere Probleme der Neuburger
Geschichte: Zum einen die Frage nach der Existenz eines Bistums Neuburg im 8.
Jahrhundert und nach seinem Bischofsitz, die bereits von Generationen
von Historikern kontrovers diskutiert wurde, zum anderen die fehlende
Erklaerung der Beziehung der nahegelegenen Burg "Alten-Neuburg" mit der noch nicht
eindeutig lokalisierten Stadtburg.
Es laesst sich in Neuburg eine direkte Entwicklungslinie aufzeigen vom
Schloss der Residenz als Verwaltungsmittelpunkt des werdenden Staates
der fruehen Neuzeit, ueber die Burgen als Herrschaftsstuetzpunkte und
-zentren des Mittelalters bis hin zum Fruehmittelalterlichen Adelssitz nach der
Voelkerwanderungszeit und sogar bis hin zum Roemischen Kastell auf dem
Neuburger Stadtberg. Diese Entwicklung soll fuer den entstehenden
Atlasband gruendlich erforscht und dokumentiert werden. Somit werden
fuer diesen Band ganz im Sinne des Atlasprojektes zwei Schwerpunkte
gesetzt, zum einen in der fruehen Neuzeit, der glanzvollen Epoche des
Neuburger Fuerstentums, und zum anderen im Mittelalter, wo die
Voraussetzungen fuer diese Phase geschaffen und die
Zentralortfunktionen Neuburgs angelegt wurden.
Der Historische Atlas soll moeglichst die gesamten fuer das
Bearbeitungsgebiet relevanten Quellenbestaende erschliessen.
Wichtigste Quellen fuer die mittelalterliche Herrschafts- und
Besitzgeschichte werden zum einen die Traditionen der im Gebiet ansaessigen Kloester - vor allem des
Klosters
Bergen und des Benediktinerklosters Neuburg, spaeter Jesuitenkolleg und
Malteserballey - und auch der um Neuburg begueterten auswaertigen
Kloester, Niederschoenenfeld, Kaisheim, Rebdorf, Kuehbach u.a., sein.
Zum anderen werden die Ueberlieferungen der umliegenden Bistuemer Augsburg,
Freising, Eichstaett und Regensburg als zentraler Quellenbestand fuer das
Frueh- und Hochmittelalter besondere Aufmerksamkeit finden. Die Ausbildung von
Herrschaften ist vor allem anhand der Urbare, Saalbuecher und Urkunden der
Herzoege sowie wichtiger Adelsfamilien wie der Grafen von Pappenheim,
von Graisbach oder von Hirschberg zu erforschen, die in den
zustaendigen Archiven in Muenchen, Augsburg, Nuernberg, Amberg und
Neuburg liegen bzw. in den Monumenta und den Regsta Boica ediert sind
(ergaenzend zum Archivmaterial werden die Sammelbestaende des
Historischen Vereins Neuburg herangezogen). Fuer die Ortsstatistik (mit
Kirchenorganisation, Gerichtsbarkeit, Aemter- und Obmannschaftszugehoerigkeit sowie allen Anwesen
mit ihren
Grundherren) steht als Quellengrundlage nur eine Steuerbeschreibung von 1725-1728 zur
Verfuegung. Anhand dieser zuverlaessigen und einheitlichen gestalteten
Quelle wurde die Ortsstatistik mittlerweile erstellt und in einem
detaillierten Vergleich mit den Besitzfassionen von 1808/10, dem
Haeuser- und Rustikalsteuerkataster von 1810 und dem
Grundsteuerkataster von 1835 abgeschlossen. Bereits bearbeitet wurden
ebenfalls die ersten Kapitel des Geschichtlichen Ueberblicks, die dem
Frueh- und Hochmittelalter gewidmet sind.
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